mella68: (Call the Midwife)
Oh mein Gott, zweieinhalb Jahre nichts gepostet. Aber ich hab die letzten Jahre trotzdem an einigen Bigbangs als Fanartkünstlerin teilgenommen.

Für den Small Fandoms Bigbang 2017 habe ich die Story "Answering the Call" von Small Hobbit illustriert. Der Masterpost findet ihr hier: [livejournal.com profile] smallfandombang

 
mella68: (Default)

Ein Unglück kommt selten allein
von Mella


Jim Ellison und Blair Sandburg betraten das Fischspezialitätenrestaurant "The Black Cat" am Hafen von Cascade. Rafe, der in der Woche zuvor mit Bravour seine Detectiveprüfung bestanden hatte, hatte die beiden, Simon Banks und Joel Taggert in Erwartung seiner bevorstehenden Beförderung zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen. Eigentlich sollte die kleine Feier in einem anderen Lokal stattfinden, aber dort hatte er keinen Tisch mehr bekommen.

Nachdem sie ihre Mäntel an der Garderobe abgegeben hatten begaben sie sich zu dem reservierten Tisch, an dem bereits die anderen auf sie warteten.

"Nettes Lokal," meinte Jim und warf einen kurzen Blick in die Runde.

"Ich hatte bisher noch nie von diesem Restaurant gehört, aber ein Kollege an der Uni hat es mir empfohlen, ganz besonders wenn man an Fischspezialitäten interessiert ist." gab Blair zurück, während er sich einen Stuhl zurückzog und an den Tisch setzte.

"Da ich anderswo keinen Tisch mehr bekommen habe, musste ich ja hierauf zurückgreifen." sagte Rafe mit einem Seufzer.

"Was haben Sie denn gegen dieses Restaurant einzuwenden?" fragte Simon Banks.

"Allein schon der Name. Das sagt doch schon alles. Man sollte eine Beförderung, die bisher noch gar nicht ausgesprochen wurde, nicht in einem Restaurant namens "The Black Cat" feiern. Das kann doch nur Unglück bringen."

"Seit wann bist du denn so abergläubisch? So kenne ich dich gar nicht", fragte Blair.

"Seit meine Freundin Linda ..."

"Linda? Oh, haben wir da was verpasst?" schmunzelte Jim.

"Ja, meine neue Freundin. Sie ist auf diesem Gebiet sehr bewandert. Sie weiß alles über Glücksbringer und Vorboten des Unglücks."

"Und was hat Ihre neue Freundin Linda über schwarze Katzen gesagt?" wollte Simon wissen.

"Sie hat mir wissenschaftliche Beweise und Tatsachenberichte gezeigt, aus denen hervorgeht, dass sich hinter all diesem Aberglauben doch ein Stückchen Wahrheit verbirgt."

"Diese sogenannten wissenschaftlichen Beweise sind reiner Unfug", versuchte Blair ihn zu beruhigen. "Es gibt zwar in vielen alten Kulturen Hinweise auf Aberglauben und dergleichen, wissenschaftlich bewiesen wurde so etwas aber noch nie. Und du kannst mir glauben, damit kenne ich mich aus."

Rafe schien aber noch nicht ganz überzeugt.

Simon erhob sein Glas und prostete Rafe zu. "Lassen Sie uns unsere Gläser erheben und Rafe zu seiner bestandenen Detectiveprüfung gratulieren. Cheers!"

Alle anderen erhoben ihre Gläser und prosteten dem leicht erröteten Rafe zu, der die Glückwünsche verlegen entgegennahm.

Nachdem Simon sich wieder gesetzt hatte, nahm er eine Zigarre aus seiner Jackentasche und meinte, "Eine kann ich mir ja vor dem Essen noch gönnen." Damit beugte er sich vor und zündete sich die Zigarre an der Kerze auf dem Tisch an.

"Captain!" erschallte ein empörter Ausruf von Rafe.

"Was?" Dem Captain wäre fast die Zigarre aus dem Mund gefallen. "Mann, haben Sie mich erschreckt. Was sollte das?" rief Simon aus.

"Wie können Sie so etwas tun?"

"Was denn tun?"

"Sich eine Zigarre an einer Kerze anzünden. Wissen Sie denn nicht, dass dann ein Seemann stirbt?"

"Welcher Seemann?" fragte Simon leicht verwirrt.

"Irgendein Seemann. Was weiß ich, welcher", gab Rafe zurück.

"Aber Rafe, schon wieder so ein abergläubischer Kram. So langsam reicht es," grinste Jim und hob seinen Arm, um nach einer Kellnerin zu winken.

Im nächsten Moment erschütterte eine Explosion das Restaurant. Die Gläser auf den Tischen fielen um und zerbarsten. Mit einer blitzschnellen Reaktion warf sich Jim unter den Tisch und zog auch Blair und Rafe, die neben ihm gesessen hatten, zu sich hinunter.

Kurz danach war es wieder still. Von draußen hallte lautes Geschrei zu ihnen hinein. Jim, Simon und Rafe waren die ersten, die sich wieder bewegten und zur Tür liefen. Kurz darauf erschienen auch Blair und Joel, die sich erst von einigen Splittern gesäubert hatten.

"Was ...?" wollte Blair fragen, konnte aber sofort erkennen, was passiert war. Vor ihm am Anlegekai lag eine circa 20 m lange Luxusjacht. Aus den hinteren Bullaugen loderten Flammen und Rauch stieg aus den oberen Öffnungen.

Jim und Rafe rannten zu der Jacht, sprangen an Bord und versuchten zu retten, was noch zu retten war. Jim rannte blitzschnell die Leitern im Inneren der Jacht hinunter, griff sich von einer Wand einen Feuerlöscher und betrat die Kombüse, in der das Feuer ausgebrochen war. Rafe, der kurz hinter ihm war, schnappte sich eine Decke von einer Bank und versuchte, damit die Flammen zu ersticken. Immer wieder stoben Funken empor und setzen neue Bereiche in Brand. Nach einigen endlosen Minuten war es den beiden dann endlich gelungen, das Feuer zu löschen.

Jim konnte trotz seiner Sentinelsinne kaum etwas in der rauchgeschwängerten Kombüse erkennen. Seine Sinne waren durch den starken Rauch und die Hitze ziemlich überlastet. Es war Zeit, dass er an die frische Luft kam.

"Los, Rafe, raus hier. Ich kriege kaum noch Luft." Damit stieß er den vor ihm stehenden Rafe in den Rücken. Rafe stolperte einige Schritte vorwärts und stieß mit seinem Ellbogen gegen einen Spiegel, auf dem sich sofort unzählige Risse zeigten.

Mit Entsetzen blickte Rafe auf den zerbrochenen Spiegel und konnte es nicht fassen. Das bedeutete sieben Jahre Pech.

"Das war's dann wohl."

"Was?"

"Na, mit meiner Beförderung. Ich den nächsten sieben Jahren wohl nicht mehr."

"Rafe, reden Sie kein dummes Zeug. Los, raus hier." keuchte Jim, dem die Luft wegblieb.

Derweil standen Blair und Simon an der Hafenmauer und hofften, dass ihren Kollegen nichts passiert war. Simon hatte Blair gerade noch zurückreißen können, als der seinem Partner auf das Schiff folgen wollte.

"Sie bleiben hier, Sandburg! Joel, rufen Sie die Feuerwehr.", befahl Simon mit strenger Stimme.

Erschöpft und mit Asche beschmutzt kamen Jim und Rafe wieder aus dem Innern der Jacht hervor.

Erleichtert stieß Blair seinen angehaltenen Atem aus. Gott sei Dank, Jim und Rafe waren in Ordnung. Im nächsten Moment konnten sie auch schon die Sirenen der herannahenden Feuerwehrfahrzeuge hören. Jim lehnte sich erschöpft gegen einen Laternenmasten und hustete sich die Seele aus dem Leib. Ebenso erging es Rafe, der sich einfach auf den Boden gesetzt hatte.

Schnell rannte Blair zurück ins Restaurant und holte einen Krug Wasser und zwei Gläser, die er seinen leicht lädierten Kollegen reichte.

"Danke.", krächzte Jim. Er hob seinen Kopf, als er merkte, dass ein Feuerwehrmann auf ihn zukam.

"Haben Sie das Feuer gelöscht?" fragt dieser ihn.

"Ja, wir waren Gott sei Dank schnell da, bevor Schlimmeres passieren konnte," antwortete Jim und musste anschließend wieder husten.

"Leider nicht schnell genug," meinte der Feuerwehrmann. "Wir haben in der verbrannten Kombüse hinter dem Schrank eine Leiche gefunden. Nach der Kleidung zu urteilen handelt es sich um einen Matrosen von der Jacht. Die genaue Todesursache konnten wir noch nicht feststellen. Darum wird sich der Gerichtsmediziner kümmern müssen."

Wie auf Kommando schauten alle auf Rafe, der mit bleichem Gesicht und leicht geschocktem Ausdruck zu Simon blickte.





Nach zwei Stunden war der Tatort vom Spurensicherungsteam untersucht worden. Jim hatte sich inzwischen mit Hilfe einer Sauerstoffmaske des Ambulanzteams soweit erholt, dass er selber noch einmal auf die Jacht gehen wollte, um nach weiteren Anhaltspunkten zu suchen, die nur er mit seinen außergewöhnlichen Sinnen erkennen konnte.

Der zuständige Brandermittler des Cascade Firedepartments kam mit einer völlig zerfetzten Maschine auf ihn zu.

"Was haben Sie da?" fragte Jim mit einem Blick auf das verkohlte Etwas.

"Das sind die Reste von dem, was früher mal eine Eismaschine war. Allen Anschein nach hat es einen Kabelbrand gegeben und in der Maschine gab es einen Kurzschluss. Durch die auslaufende Kühlflüssigkeit muss es dann zu der Explosion gekommen sein. Wahrscheinlich hatte sich der Matrose gerade an der Eismaschine zu schaffen gemacht, denn die Verletzungen im Brustraum deuten darauf hin, dass er frontal von einigen Splittern der Maschine getroffen wurde. Einer dieser Splitter muss ihn unglücklich an der Halsschlagader getroffen haben, denn er war nach Ansicht des Gerichtsmediziners sofort tot."

"Oh, Gott, das ist alles nur meine Schuld", rief Rafe aus. "Wenn ich den Captain nur davon abgehalten hätte, sich die Zigarre ..."

"Rafe, reißen Sie sich zusammen", wies Jim ihn zurecht. "Sie gehen jetzt nach Hause und ruhen sich aus. Sandburg und ich werden die Ermittlungen hier weiter leiten."

Zusammen mit Blair betrat Jim die Jacht. Auch jetzt noch war der Brandgeruch so stark, dass er ihn fast überwältigt hätte.

Blair merkte, dass Jim Probleme hatte seine Sinne auszurichten und sich zu konzentrieren.

"Ich bin bei Ihnen, Jim", versicherte er ihm. "Versuchen Sie, die erkennbaren Gerüche auszuschalten und sich auf das zu konzentrieren, was wir anderen nicht riechen können."

Jim schloss seine Augen und ließ seine Sinne schweifen. Da waren Gerüche vom letzten Abendessen, hmm lecker, Spaghetti a la Carbonara ... und Alkoholgerüche, Sekt und teurer Champagner. Weiter konnte er den beißenden, kupfernen Geruch von Blut ausmachen, das wohl von dem getöteten Matrosen stammte. Doch so sehr er sich auch konzentrierte war sonst nichts außergewöhnliches festzustellen, keine Benzin- oder Kerosingerüche, geschweige denn Sprengstoff. Nur ein leichter Duft von verbranntem Kunststoff, der aber von den verschmorten Kabeln der Eismaschine stammte. Mit einem Lächeln registrierte er auch den sauren Duft von Zitronen.

Er riss sich zusammen und öffnete seine Augen. Na, kein Wunder, die Wand klebte ja von den Resten von Zitroneneis, das natürlich von dem Feuer geschmolzen war und nun langsam die Wände heruntertropfte.

"Hier ist nichts, was auf ein Verbrechen schließen ließe", sagte er schließlich. "Los, Häuptling, lassen Sie uns nach Hause fahren, damit ich endlich aus diesen Klamotten rauskomme."

Blair, der die Handlungen seine Sentinels genau beobachtet hatte und außerdem dafür gesorgt hatte, dass niemand sie dabei beobachten konnte, wandte sich in Richtung Ausgang. Selbst für seinen vergleichsweise bescheidenen Geruchssinn war der Gestank betäubend. Er war froh, dass er wieder an die frische Luft kam.

Wieder an Land trafen sie auf Simon Banks und Joel Taggert, die sich noch mit dem Ermittlungsbeamten des Cascade Firedepartments unterhielten. Rafe stand etwas abseits und starrte vor sich hin. Scheinbar war er immer noch nicht darüber hinweg gekommen, dass ein Seemann gestorben war, obwohl ihm alle versichert hatte, dass es nichts mit der Zigarre des Captains zu tun hatte.

Blair ging auf ihn zu und versuchte ihn dazu zu bewegen, nach Hause zu fahren. Doch Rafe war so geschockt, dass es Blair nach kurzer Überlegung sicherer schien, ihn in dessem Wagen nach Hause zu bringen.

"Jim, können Sie mit dem Pickup hinter uns her fahren? Ich bringe Rafe zu seiner Wohnung und dann können Sie mich aufnehmen. Ich denke, es ist besser, wenn Rafe nicht selber fährt."

"Okay, Häuptling. Ich spreche nur noch kurz mit Simon und komme dann hinterher," antwortete Jim.

Blair wandte sich an Rafe und führte ihn zu dessen Wagen. Rafe reichte Blair seine Wagenschlüssel, bevor er auf der Beifahrerseite Platz nahm.

"Danke, Blair. Ich komme einfach nicht aus dem Zittern raus. Erst das mit dem Brand, dann noch der zerbrochene Spiegel. Jetzt fehlt nur noch, dass eine schwarze Katze ..." Ihm blieb fast das Wort im Halse stecken, als er mit weitaufgerissenen Augen auf die Straße starrte. "Arrh! Stop!" schrie er so laut, dass Blair vor Schreck auf die Bremse trat und der Wagen mit einem leichten Hopser zum Stehen kam.

"Bist du verrückt, oder was?" schrie Blair ihn an. "Was ist denn jetzt schon wieder?"

"Eine schwarze Katze, da ..." keuchte Rafe und deutete mit dem Finger auf etwas in der Dunkelheit.

Nach einigem Blinzeln konnte Blair im Licht der Straßenlaterne etwas sehen. Er grinste, als er einen älteren Herrn mit einem Pudel an der Leine erkannte.

"Das ist nur ein Hund", versuchte er Rafe zu beruhigen. Doch Rafe war kaum noch zu beruhigen. Mit abwechselnden Blick auf seinen Freund und auf die Straße fuhr Blair zu Rafe's Wohnung in der Judsonstreet. Kaum, dass er am Straßenrand geparkt hatte, sprang Rafe aus dem Wagen und rannte die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Blair folgte ihm so schnell er konnte und reichte ihm die Schlüssel, damit Rafe die Wohnungstür aufschließen konnte. Mit einem kurzen "Danke" drehte sich Rafe noch einmal zu ihm um und verschloss dann vor dem verdutzten Blair die Tür.

Nachdenklich ging Blair die Treppen zur Straße hinunter. So konfus hatte er seinen Freund bisher noch nie erlebt. Bevor er sich weitere Gedanken machen konnte, hielt Jims weiß-blauer Pickup vor ihm und er stieg ein. Müde und schweigend fuhren sie zum Loft zurück.





Als Blair am nächsten Morgen erwachte zog schon der Duft von frisch aufgebrühten Kaffee durch das Loft und vertrieb den leichten Brandgeruch, den er immer noch in der Nase hatte.

Leicht verschlafen setzte er sich auf und stellte die Füße vor das Bett. Plötzlich musste er grinsen. Wenn Rafe jetzt mitbekommen hätte, dass er mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden war, hätte er bestimmt schon wieder eine passende abergläubische Redewendung parat.

Gut gelaunt zog er sich an und wischte mit einem kurzen "Guten Morgen" an Jim vorbei ins Badezimmer. Heute war Samstag und Jim und er hatten zwei Tage frei. Was man so frei nennen konnte. Blair musste noch Arbeiten von der Universität nachschauen und Jim wollte einen kurzen Bericht über das gestrige Feuer schreiben.

"Guten Morgen, Häuptling," rief Jim ihm mit leicht rauchiger Stimme nach. Der starke Qualm hatte seinen Stimmbändern doch etwas zugesetzt.

"Gestern alles gut überstanden?" fragte Jim, als Blair sich nach einigen Minuten an den Frühstückstisch setzte.

"Klar, bestens, und Sie?" antwortete Blair mit einem kurzen Kopfnicken, während er sich Milch und Müsli in eine Schüssel schüttete.

"Der Hals ist noch etwas rau und die Stimme krächzt noch etwas. Aber sonst geht's gut", gab Jim lächelnd zurück.

"Vielleicht sollten wir heute mal nach Rafe schauen. Er war gestern Abend so merkwürdig", meinte Blair Müsli kauend. "Und als er dann auch noch glaubte, auf der Straße eine schwarze Katze gesehen zu haben, die sich dann als Pudel entpuppte, war es ganz mit ihm vorbei. Er ist nur noch in seine Wohnung gerannt und hat mich vor der Tür stehen lassen."

"So abergläubisch war er doch früher nicht, oder?" wollte Jim wissen.

"Nein, scheinbar erst, seit er diese neue Freundin hat", antwortete Blair.

"Sie haben Recht, wir fahren nachher mal zu ihm und schauen nach, wie es ihm geht."

Gegen Mittag hatte Blair seine Seminararbeiten berichtigt. Auch Jim hatte einen Bericht über die Ereignisse vom Vortag geschrieben.

Gemeinsam fuhren sie mit Jims Pickup zu Rafes Wohnung und klingelten an der Wohnungstür. Nach etlichen Minuten, Jim hatte inzwischen schon mehrfach auf den Klingelknopf gedrückt, öffnete ihnen ein ziemlich zerzauster Rafe. Dem Geruch nach zu urteilen, hatte er seit dem gestrigen Abend noch nicht geduscht. Dem müden Ausdruck in seinen Augen nach zu schließen, hatte er es aber auch noch nicht geschafft, sich auszuruhen und zu schlafen.

"Sandburg! Ellison! Was wollt ihr denn hier?" kam es leise von Rafe.

"Wir wollten sehen, wie es dir geht, Rafe," antwortete Blair. "Scheinbar hatten wir völlig Recht, dass du die Ereignisse von gestern Abend nicht so gut verkraftet hast."

Rafe wollte die Tür zuschmeißen, doch Jim konnte noch schnell einen Fuß in die Tür stellen.

"Rafe, was ist los?" fragte er mit strengem Blick.

"Ellison, Sie haben es doch selber mitbekommen. Erst die Sache mit der Zigarre, wodurch ein Seemann gestorben ist. Dann noch der zerbrochene Spiegel und die schwarze Katze ..."

"... die gar keine war", vollendete Blair den Satz. "Komm schon, du hast doch früher nicht an solche Sachen geglaubt."

"Lasst mich einfach in Ruhe, sonst bekommt ihr noch was von meinem Pech ab." Diesmal gelang es ihm, den beiden die Tür vor der Nase zuzuknallen. Leicht irritiert schauten Blair und Jim sich an.

"Und jetzt?" wollte Jim wissen.

"Jetzt hilft nur noch Magie und Aberglaube", gab Blair mit einem geheimnisvollen Lächeln zurück.





Zurück im Loft ging Blair schnurstracks zum Küchenschrank und wühlte in den Zutaten für seine ganz speziellen Speisen, an denen Jim meistens kein Interesse zeigte, da sie hauptsächlich aus Kräutern und eigenartigen Gewürzen bestanden, die ihm nicht schmeckten.

Triumphierend hielt Blair schließlich ein kleines Tütchen hoch.

"Kressesamen?" entzifferte Jim die kleine Schrift auf der Tüte. "Wozu soll das denn gut sein?"

"Aberglaube kann man nur mit Aberglaube bekämpfen. Glauben Sie mir, da kenne ich mich aus. Wir können Rafe mit logischem Denken nicht davon überzeugen, dass das alles Humbug und Zufall ist. Also müssen wir ihn mit anderen Mitteln überzeugen, dass seine Pechsträhne vorbei ist."

Blair legte das Tütchen auf den Küchentisch und lief in sein Schlafzimmer. Jim konnte hören, wie er mehrere schwere Bücher auf sein Bett warf und darin herumblätterte. Nach einer Viertelstunde hörte er einen Aufschrei aus dem Zimmer und Blair kam herausgelaufen und hielt frohlockend ein schweres Buch im Arm.

"Hier. Ich hab's gefunden. Der Iniuka-Stamm vom unterem Rio Paraná im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Paraguay ist ein sehr abergläubisches Volk. Sie glauben zwar nicht an die gleichen Unglücksvorboten wie wir, jedoch glauben sie, dass ein Unglück abgewendet werden kann, wenn ein bestimmtes Ritual zelebriert wird. Eigentlich brauche ich dazu den Samen einer bestimmten Pflanze, die es nur am Rio Paraná gibt, aber ..." damit riss er das Tütchen Kressesamen auf und schüttete den Inhalt auf den Küchentisch "... Rafe braucht ja nicht alles zu wissen." Mit einem Grinsen schob er mit dem Handballen den Kressesamen zusammen und füllte ihn über den Rand des Küchentisches in eine kleine Glasdose mit Schraubdeckel.





Zum wiederholten Male klopfte Blair an Rafe's Wohnungstür. Auch nach mehrmaligem Klingeln hatte Rafe nicht geantwortet. Doch Jim, der hinter ihm stand, hatte ihm versichert, dass Rafe da war, denn er konnte dessen Herzschlag und die Atemgeräusche hören.

"Rafe, öffne die Tür. Wir wollen dir doch bloß helfen." Blair wurde langsam ungeduldig.

"Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt mich in Ruhe lassen," kam endlich die leise Antwort aus der Wohnung.

"Ich habe in einem meiner Bücher etwas gefunden, dass dir helfen kann," versuchte Blair es noch einmal. "Ich selber habe so etwas noch nicht versucht, aber es ist ein Ritual eines alten Indianerstammes."

Langsam drehte sich der Türknopf und die Tür wurde von innen geöffnet. Jedoch war die Kette vorgehängt, so dass sie nicht eintreten konnten. Blair öffnete schnell das Buch und merkte sich die Seite. Dann schlug er es zu und schob es durch den geöffneten Spalt.

"Hier, lies selber. Auf Seite 118 kannst du es nachlesen. Ich habe die Zutaten für dieses Ritual extra an der Uni besorgt. War gar nicht so einfach, da ranzukommen." Dabei winkte er mit der kleinen Glasdose durch den Türspalt, damit Rafe sie auch sehen konnte. Zum Glück konnte Rafe nicht sehen, dass er beim Lügden rot wurde.

Nach scheinbar endlosen Minuten wurde das Buch in die Wohnung gezogen und Jim bestätigte mit einem Kopfnicken, dass Rafe scheinbar darin blätterte. Schließlich hörten sie, wie die Kette weggenommen wurde. Jim schob die Tür auf und sie traten langsam ein.

Rafe sah inzwischen ganz manierlich aus, seine Haare waren noch feucht vom Duschen und er hatte frische Kleidung an. Er hielt mit der einen Hand Blairs Buch und blätterte mit der anderen darin herum. Schließlich hatte er den Artikel auf Seite 118 gefunden und las ihn interessiert.

"Bist du dir auch sicher, dass das funktioniert?" fragte er schließlich Blair mit einem forschenden Blick.

"Wie gesagt, selber ausprobiert habe ich es noch nicht. Aber schließlich muss ich doch an das glauben, was ich an der Universität den Studenten lehre," gab Blair zu bedenken. Jim warf ihm dabei ein kurzes Grinsen zu, das Rafe zum Glück nicht sah.

"Aber du hast doch selbst gesagt, dass das alles nur Aberglaube sei", sagte Rafe.

Blair schüttelte den Kopf. "Ich habe gesagt, dass die angeblichen wissenschaftlichen Beweise nicht echt sind. Denn wissenschaftlich beweisen kann man so etwas nicht. Doch es gibt vieles auf der Welt und ich habe auf meinen Studienreisen schon so einiges erlebt, was nicht mit der Wissenschaft in Einklang steht. Es sollte dir einen Versuch wert sein."

Gemeinsam steckten Blair und Rafe ihre Nasen in das Buch und lasen den entsprechenden Artikel über den Iniuka-Stamm. Danach verbrachten die Indianer bei Vollmond eine Nacht auf einem Polster von Gräsern der nur am Rio Paraná wachsenden Stipaichupflanze, deren leichter Geruch die unglückverursachenden Geister abhalten und positive Energie auf die vom Unglück Heimgesuchten übertragen sollte.

"Na dann, lasst es uns versuchen," meinte ein schon etwas glücklicher dreinschauender Rafe.

"Leider muss ich dich enttäuschen." meinte Blair. "Das geht heute nicht. Wie du gelesen hast, müssen wir schon eine Vollmondnacht abwarten. Aber zum Glück ist Morgen die nächste Vollmondnacht. Und außerdem müssen wir ja auch noch den Samen zum Keimen bringen. Doch das geht relativ schnell. Ich habe da auch schon so meine Vorstellungen."

Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit und breiteten eine Wolldecke auf dem Küchenboden aus und tränkten sie intensiv mit Wasser. Dann streute Blair den angeblichen Stipaichu-Samen auf der Decke aus und stellte die Heizung extrem hoch ein, um ein subtropisches Klima in der Küche herzustellen.

"Du musst die Decke alle zwei Stunden wieder mit Wasser bestäuben, damit der Samen auch feucht bleibt und gut treibt. Morgen früh solltest du schon die ersten Keimlinge sehen können," belehrte Blair Rafe. "Und du solltest die Nacht über die Küchenlampe brennen lassen, damit auch genügend Licht auf die Keimlinge fällt."

Rafe war mit vollem Eifer bei der Sache. Jetzt konnten Blair und Jim nur noch hoffen, dass er den morgigen Sonntag auch noch heil überstehen würde, doch der erste Schritt war getan.





Am Montag Morgen kam ihnen im Büro ein gelöster und strahlender Rafe entgegen. In der Hand hielt er einen Umschlag und winkte ihnen damit zu.

"Es hat funktioniert. Meine Pechsträhne ist vorbei. Hier ist die Bestätigung meiner Beförderung, die heute Morgen auf meinem Schreibtisch lag." Rafe grinste von einem Ohr zum anderen.

Plötzlich konnte Jim nicht mehr an sich halten und fing herzlich an zu lachen. Auch Blair grinste Rafe an und meinte, zu Jim schauend "Sollen wir's ihm sagen?"

"Was wollt ihr mir sagen?" fragte Rafe und blickte von einem zum anderen.

"Ich glaube, ich muss dir etwas beichten", erklärte Blair. "Du hast am Samstag so niedergeschlagen ausgesehen, dass wir einfach etwas unternehmen mussten. Da wir mit logischen Denken bei dir nichts ausrichten konnten blieb uns nur dieser Weg. Ich muss dir leider gestehen, dass du auf deinem Küchenfußboden ein Kressefeld hast keimen lassen."

"Kresse? Willst du mir etwa sagen, dass ich eine unbequeme Nacht auf Kresse verbracht haben?" entrüstete sich Rafe.

"Hat doch gewirkt, oder? Deine Ängste vor dem abergläubischen Unglückskram sind verschwunden", gab Blair als Antwort.

"Na toll, und was mache ich jetzt mit dem Kressefeld?"

"Ich kenne da noch ein tolles Salatrezept von einem Indianerstamm aus ..." Weiter kam Blair nicht, da Rafe sich auf ihn stürzen wollte und er das Weite suchen musste.


Ende
 

My Angel

Jun. 26th, 2010 04:51 pm
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My Angel

von Mella



1999

Rummms. Die Vordertür war zu. Aus dem Badezimmer heraus konnte Jim Schritte durch den Wohnbereich bis zu Blairs Zimmertür hören. Dann wieder ein lautes Rummms - auch die Tür zu Blairs Raum unter der Treppe wurden zuge-schmissen, dass es in den sensiblen Ohren des Sentinels nur so widerhallte.

Er legte seinen Rasierer beiseite, nahm seine Armbanduhr von der Spiegelablage und warf einen Blick darauf. Acht Uhr dreißig. In einer Stunde musste er im Bü-ro sein. Noch genügend Zeit, sich mit Sandburg und dessen Problemen auseinan-der zu setzen. Denn eigentlich dürfte Blair gar nicht hier sein. Er müsste sich seit sechs Uhr heute Morgen auf dem Kasernengelände der Polizeiakademie auf-halten, bereit seinen ersten Tag an der Akademie anzutreten.

Innerlich musste er grinsen, als er sich an seinen ersten Tag an der Akademie erinnerte. Als ehemaliger Militär und Ranger hatte er es relativ einfach gehabt. Niemand, der meinte, ihn schikanieren zu müssen, wahrscheinlich auch niemand, der sich so etwas angesichts seiner Covert Ops Ausbildung traute. Bei Blair sah das wahrscheinlich etwas anders aus. Vor dem Hintergrund seiner angeblich ge-fälschten Dissertation, dem Rausschmiss aus der Universität und seiner jahre-langen recht merkwürdigen Form der Zusammenarbeit mit dem Cascade Police Department gab es bestimmt einige, die versuchen würden, ihm das Leben schwer zu machen. Zumal Sandburg ja auch mehr der schmächtige Typ war, der bestimmte Leute in Versuchung führte.

Aber er war gerade mal für zweieinhalb Stunden dort gewesen. In so kurzer Zeit konnte doch nichts so schlimmes passiert sein, dass Blair die Akademie hin-schmeißen würde.

Wahrscheinlich hatte er nur etwas wichtiges vergessen. Mit diesem Gedanken wandte er sich wieder seinem Spiegelbild zu und setzte seine Rasur fort. Als sich nach weiteren fünf Minuten nichts im Zimmer nebenan regte, fuhr er vor-sichtig sein Gehör hoch und lauschte auf etwaige Geräusche aus Blairs kleinem Raum. Leises Murmeln, selbst für sein Sentinelgehör extrem leise, war zu hören "Ich bin so ein Idiot. Ich bin so ein Idiot." Immer und immer wieder wie ein Man-tra wiederholte Blair diese Worte. Okay, es war also doch etwas passiert. Etwas, das Blair veranlasst haben musste, die Flucht zu ergreifen.

Schnell beendete Jim seine morgendliche Wäsche, zog sich sein Hemd an und verließ das Badezimmer. Er klopfte leicht an Blairs Tür und wartete darauf, he-reingebeten zu werden.

"Blair?" Keine Antwort. "Sandburg! Ich weiß, dass du da bist. Du warst schließlich nicht gerade leise mit den Türen."

Schlurfende Schritte, dann ging die Tür auf und er konnte ein Blick auf Sand-burg erhaschen, der ihm beinahe vor Belustigung laut auflachen ließ. Die Haare auf Blairs rechter Kopfseite war lang wie eh und je, während auf der linken Sei-te mehr oder weniger die Haare auf einige Zentimeter geschnitten waren, aber nicht so richtig ein Schnitt zu erkennen war. So kurz geschnitten kringelten sie sich in alle Richtungen, was Blair, wenn man ihn nur von einer Seite betrachtete, ein noch jüngeres Aussehen verlieh. Von vorn gesehen, erinnerte es ihn irgendwie an so manche Jugendliche auf den Straßen von Cascade, bei denen ein solcher Haarschnitt Mode zu sein schien. Jetzt fehlte nur noch etwas Gel und Farbe, und der Punk war perfekt.

"Das. Ist. Nicht. Lustig, Jim!" Blair betonte jedes einzelne Wort, was Jim nur noch mehr zum Lachen anspornte.

"Das ist es doch. Du müsstest dich mal anschauen." Jim konnte sich ein Lachen jetzt doch nicht mehr verkneifen.

"Oh, Mann!" Blair warf seine Arme in die Luft, drehte sich zum Bett und ließ sich mit dem Gesicht voran darauf fallen. "Das ist sooo peinlich. Ich kann mich da nicht mehr sehen lassen."

Jim bemühte sich, sein Lachen aus seinem Gesicht zu verbannen und setzte sich neben seinem Freund und zukünftig legalen Partner auf das Bett.

"Was ist passiert? Ist dem Friseur die Schere stumpf geworden bei deiner Lockenpracht?" Wieder brach ein Lachanfall über ihn herein.

Blair dreht ihm sein Gesicht zu und rollte mit den Augen. Der Humor seines Sen-tinels war wirklich manchmal nicht zum Aushalten.

"Okay, ich bin jetzt still und lache auch nicht mehr. Jetzt erzähl mir, was passiert ist."

"Das ist wirklich so peinlich. Ich bin völlig ausgeflippt." Blair setzte sich auf und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. "Ich meine, ich sitze da auf dem Friseur-stuhl, bereit, meine schöne Lockenpracht zu opfern. Ich hatte so schon den gan-zen Morgen über mehr als genug Bemerkungen über meine Haare zu hören ge-kriegt. Aber ich war wirklich bereit dazu, hatte mich innerlich darauf vorberei-tet." Er stoppte und schaute hoch zu Jim.

Dieser bemerkte den Unterschied in Blairs Augen und wusste sofort, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Er sah Angst und Panik in den Augen seines Guides und das war nicht mehr zum Lachen. Er legte eine Hand auf Blairs Schulter und bemerkte, wie ein leichter Schauer durch Sandburgs Körper lief. Was ging hier vor?

"Was meinst du damit, du bist ausgeflippt?" wollte er wissen.

"So wie ich es sagte, ich schrie, habe um mich getreten und ich bin vom Stuhl gesprungen und weggelaufen." Blairs Stimme zitterte leicht.

Vorsichtig fuhr Jim mit seiner Hand über Blairs Rücken und versuchte ihn so zu beruhigen. "Eine Panikattacke?" fragte er leise.

"Ja ... die erste seit Jahren. Wie konnte so etwas nur passieren? Und das gleich am ersten Tag, ach was sage ich, gleich in der ersten Stunde."

"Was hat die verursacht? Ich meine, versteh mich nicht falsch, aber du warst nur beim Friseur. Was kann da schon eine Panikattacke auslösen?"

"Eine Erinnerung ..." Blairs Stimme war so leise, dass Jim automatisch sein Gehör hochfuhr. Gleichzeitig hörte er auch den rasenden Herzschlag seines Guides.

"Welche Erinnerung, Blair?"

Er bekam keine Antwort. Blair drehte sich um und schmiss sich wieder bäuch-lings auf das Bett. Er wollte nur in Ruhe gelassen werden.

"Blair, sprich mit mir."

Es kam nur ein leichtes Kopfschütteln und dann nichts mehr.

Jim stand auf und verließ leise das Zimmer. Jetzt musste erstmal Schadensmi-nimierung betrieben werden. Ein Anruf auf der Akademie verriet ihm, dass dort der Vorfall großes Aufsehen erregt hatte. Man erlebte ja nicht alle Tage, dass ein Kadett beim Haareschneiden ausflippte. Das passierte meistens erst beim Schießtraining. Ihm wurde mitgeteilt, dass die Aufnahmezeremonie für zwölf Uhr angesetzt war. Also noch genügend Zeit, Sandburg zu überreden, mit einer plausiblen Ausrede wieder zur Akademie zurückzukehren.

Danach führte er ein Telefongespräch mit Simon. Dieser erwartete ihn eigent-lich nicht vor halb zehn im Büro, denn sie hatten letzte Nacht bis drei Uhr an einem Fall gesessen und Simon hatte angeordnet, dass er sich ausruhen sollte, da im Moment sowieso keine weiteren Ergebnisse in dem Fall zu erwarten waren. Jetzt bat er Simon um weitere Freizeit, so weit dies die momentane Lage des Falles zuließ. Wofür er diese freie Zeit brauchte, sagte er lieber nicht, nur dass es etwas persönliches war. Wahrscheinlich konnte sich Simon ganz gut vorstel-len, dass es um Blair ging. Womöglich hatte er auch schon einen Anruf von der Akademieleitung erhalten, ließ aber nichts dergleichen Jim gegenüber verlauten. Nur, dass er sich so viel Zeit wie nötig nehmen sollte.

Er ging wieder zurück ins Badezimmer und kramte in den Schubladen des Schränkchens neben dem Waschbecken. Irgendwo musste hier doch eine Haar-schere sein. Er selbst brauchte eigentlich nie eine, da er seine Haare immer nur beim Friseur scheren ließ, aber er konnte sich vage erinnern, nach Carolyns Aus-zug einmal eine gesehen zu haben. Da war sie ja! Er schnappte sie sich und ging zurück zu Blairs Raum. Ohne anzuklopfen stieß er die Tür auf und bewegte sich zu Blairs Bett hinüber. Blair hatte sich in den letzten drei Minuten nicht viel ge-regt. Er lag immer noch bäuchlings auf dem Bett, nur dass er sich jetzt noch mit beiden Händen sein Kopfkissen über den Kopf gezogen hatte.

"Sandburg?"

Keine Antwort.

"Los, komm hoch. Ich werde dir jetzt deine restlichen Haare schneiden, damit du dich wieder unter Menschen wagen kannst. Und dann kannst du mir erzählen, wa-rum du so in Panik geraten bist."

Jim beugte sich hinüber und hob vorsichtig das Kopfkissen an, um Blair nicht noch mehr zu verschrecken. Was konnte das nur für eine Erinnerung sein, die solche Reaktionen in Sandburg auslöste?

Er lauschte nach dem Herzschlag seines Guides und stellte fest, dass sich dieser wieder auf einem normalen Level befand. Beruhigend fuhr er wieder mit seiner Hand über den Rücken seines Freundes und machte kleine kreisende Bewegungen.

Nach einigen Minuten regte sich Blair endlich und drehte sich auf den Rücken. Er fuhr sich mit den Handballen über die Augen und Jim konnte erkennen, dass er geweint hatte. Sandburg setzte sich langsam auf und versuchte, so etwas wie ein Grinsen auf sein Gesicht zu zaubern. Er schniefte noch einige Male durch die Nase, hatte sich aber, so weit Jim es erkennen konnte, wieder beruhigt.

Jim lächelte ihn an und zog die Schere hervor und wackelte mit ihr spielerisch vor Blairs Gesicht herum.

"Wie sieht's aus? Bereit für den Endspurt des Haarmarathons?"





Schnipp. Die letzte der langen Haarsträhnen fiel zu Boden. Jim ging um Blair herum, der auf einem Stuhl in der Küche saß, ein Handtuch um seine Schul-tern geschlungen. Er ging vor ihm in die Hocke und prüfte nach, wie kurz er die Locken schneiden musste, damit beide Seiten gleich lang wagen. Es war ihm, als schaue er in ein fremdes Gesicht. Wie konnte es sein, dass Sandburg mit kur-zen Haaren noch jünger aussah? Die blauen Augen wirkten noch größer, auch wenn sie im Moment noch leicht gerötet waren.

Jim schnappte sich erneut die Schere und den Kamm und glich den Schnitt an. Als er hinter Sandburgs Stuhl stand hob er schnell eine der langen Strähnen auf, wickelte sie um seinen Finger und versteckte sie in seiner Hosentasche. Sandburg brauchte ja nicht zu wissen, dass er sich ein letztes Andenken an die lange Haarpracht sicherte, an die er sich die letzten vier Jahre so gewöhnt hat-te.

"So, jetzt kannst du wieder unter die Leute," sagte er mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Er nahm Sandburg das Handtuch von den Schultern und schüttelte es aus.

Sandburg stand schnell vom Stuhl auf und stellte ihn an den Esstisch zurück. Dann ging er zum Besenschrank und holte Besen und Kehrblech, um die letzten Überbleibsel seines vergangenen Lebens aufzufegen.

Jim war inzwischen in die Küche gegangen und hatte den Kessel mit Wasser ge-füllt und auf den Herd gestellt. Dann suchte er im Schrank nach der Teesorte, von der ihm Blair erzählt hatte, dass sie beruhigend wirke.

"So, und jetzt erzählst du mir, was diesen Panikanfall bewirkt hat," sagte Jim und setzte sich neben Blair auf das Sofa, nachdem er die Tassen mit dem ferti-gen Tee auf den Kaffeetisch vor ihnen gestellt hatte.

Ausgerechnet Blair, der sonst immer auf dem Standpunkt stand, dass man über alles, was einen bedrückte, reden sollte, wirkte nun zögerlich.

Wieso muss ich immer über alles in meiner Vergangenheit reden, und ich weiß praktisch gar nichts über ihn? fragte sich Jim verwundert. Blair wusste alles über seine strenge Kindheit, über seine Armeezeit und seine misslungene Ehe mit Carolyn, während das einzige, was er über Blairs Kindheit und Jugend wusste, war, dass dieser mit Naomi viel gereist war, kein ständiges Zuhause hatte und bereits in jungen Jahren zur Universität gegangen war. Aber wohin er mit seiner Mutter überall gereist war und was sie erlebt hatten, davon hatte er nicht die geringste Ahnung. Was mochte alles während dieser Zeit passiert sein, das sol-che Reaktionen in ihm auslöste?

Blair nahm einen vorsichtigen Schluck aus seiner Tasse und stellte sie wieder auf den Tisch zurück. Er lehnte sich zurück und schloss seine Augen, versuchte sich die Erinnerung wieder vor Augen zu rufen. Dann fing er langsam an zu erzählen.

"Wir, also Naomi und ich, wohnten damals in Seattle. Das muss so um sechsund-siebzig gewesen sein. Ich weiß, dass ich gerade in die Schule gekommen war. Wir lebten bei diesem Freund von Mom in der Kommune ... "





1976

Babumm, babumm, babumm. Der Tennisball flog ein weiteres Mal gegen die Wand, prallte dann auf die Erde und flog wieder in die Hände des kleinen Jungen zurück. Die meisten Menschen fanden, dass er für sein Alter eine unheimlich gu-te Treffsicherheit hatte. Zudem schaffte er es auch, jeden Wurf geschickt wieder einzufangen. Doch vielleicht lag es daran, dass er jünger aussah, als er in Wirklichkeit war, denn er war diesen Sommer schon sieben geworden, was er auch stolz jedem, der es wissen wollte, oder auch denen, die es nicht interes-sierte, erzählte. Trotzdem blieb er für die meisten ihr kleiner Angel. So nannten sie ihn in der Kommune, wo er mit seiner Mom lebte. Die meisten Leute in der Kommune hatten komische Namen. Zum Beispiel hieß der derzeitige Freund sei-ner Mutter Sky. Er war sich nicht so ganz sicher, ob das sein echter Name war, denn welche Eltern nannten ihren Sohn schon "Himmel"? Aber sein Name war ja schließlich auch nicht Angel, sondern Blair. Blair Jacob Sandburg.

Blair hasste seinen Spitznamen. Sky hatte ihm den verpasst. Er meinte, dass er mit seinen langen lockigen Haaren und großen blauen Augen nun mal wie ein Engel aussehe. Aber er wollte kein Engel sein. Er war ein großer Junge und kein Baby mehr.

Mit etwas mehr Kraft warf er den Ball erneut gegen die Außenmauer des alten Fabrikgebäudes, in dem sich die Kommune angesiedelt hatte. Auch wenn er noch klein oder nach seinen Maßstäben noch nicht groß war, so hatte er doch schon mitbekommen, dass seine Leute nicht gerade angesehen waren bei dem Rest der Bevölkerung. Sie zahlten keine Miete und so war es auch nicht absonderlich, dass er und seine Mom sich mit mehreren Leuten eine große Lagerhalle teilten, abge-schirmt nur durch eine Decke, die zwischen zwei Nägeln aufgespannt war. Auch Sky lebte mit ihnen in dieser provisorischen Abgeschiedenheit.

Vor zwei Monaten waren sie aus dem sonnigen San Diego hierher gezogen. Blair hasste den Regen. In Seattle regnete es ständig. Mal goss es in Strömen, dann wieder nieselte es nur oder es herrschte Nebel. Er vermisste das Gefühl der Sonne, die auf seiner Haut brannte. Wenn hier mal die Sonne schien, dann konnte man sich nie lange darüber freuen, weil man schon am Horizont über dem Pazifik neue Regenwolken sehen konnte.

Aber etwas Schönes hatte ihr Aufenthalt hier doch. Er war endlich in die Schule gekommen. Er verstand sich nicht gerade besonders gut mit seinen Mitschülern, die alle aus "geordneten Verhältnissen des Kapitalismus" stammten, wie sich sei-ne Mom auszudrücken pflegte. Seine Kleidung und sein Aussehen stempelten ihn schnell zu einem Außenseiter, aber trotzdem hatte er Freude am Lernen. Seine Lehrerin, eine relativ alte (war fünfundvierzig alt?), säuerlich schauende Dame hatte ihn gleich am ersten Tag beiseite genommen und mit ernsten und scharfen Worten darauf hingewiesen, dass er sich hier keine Eigenarten erlau-ben könnte und auch er regelmäßig am Unterricht teilnehmen könne und müsse. Was dachte die sich eigentlich? Er war doch froh, endlich zur Schule gehen zu dürfen. Das war im Prinzip der einzige Grund, warum er hoffte, dass sie noch länger in Seattle blieben.

Babumm. babumm. babumm. In seine Gedanken vertieft bemerkte er nicht, dass seine Würfe immer härter wurden. Mit aller Kraft warf er den Ball gegen die Wand, doch dieses Mal glückte es ihm nicht, ihn wieder einzufangen, und der Ball flog mit schneller Geschwindigkeit an ihm vorbei in Richtung Straße.

"Arrgh. Verdammt!"





Peng. Gary Meringer war schlecht gelaunt. Äußerst übel gelaunt. Voller Wut trat er derart hinter einen Stein, dass dieser beim Hochfliegen noch Kies und anderen Unrat mit aufwirbelte. Der Stein prallte an die Radkappe eines vorbei-fahrenden Wagens. Er konnte erkennen, wie der Fahrer wütend die Faust hob. Der kann mich mal, dachte Gary ärgerlich.

Gary und seine Teamkameraden waren auf dem Weg zum Bus, der etwas abseits des Seattle Stadions hinter mehreren alten Fabrikhallen parkte. Er hatte sich mit einigen Mitspielern bereits eher aus den Umkleidekabinen verdrückt. In ei-ner Stunde sollte der Bus wieder nach Cascade abfahren, das ca. eine Fahrstun-de entfernt im Norden nahe der kanadischen Grenze lag.

Der Grund für seine Wut war ganz einfach. Sie hatten verloren, und zwar haus-hoch. Man sollte sich einfach nicht von einem Namen wie Seattle Angels täu-schen lassen. Die Jungs hatten perfektes Football gespielt. Daran gab es gar nichts zu deuteln. Was seine Wut aber noch steigerte. Wenn die anderen we-nigstens Fouls gemacht oder unfair gespielt hätten, aber sie waren einfach nur gut, nein, viel besser gewesen.

Angels. Wenn er diesen Namen nur hörte, kam es ihm schon hoch. Mit einem pas-senden Kommentar auf den Lippen wollte er sich gerade seinen Freunden zuwen-den, als er einen scharfen Schmerz an der linken Schulter verspürte.

"Arrgh. Verdammt!" Gary griff sich mit der rechten Hand an die schmerzende Stelle und wirbelte herum. Vor ihm kullerte ein Tennisball den Bürgersteig ent-lang. Er schaute sich um und entdeckte einen kleinen Jungen von vielleicht vier oder fünf Jahren auf dem Fabrikgelände, der ihn mit offenen Mund anstarrte und sich dann plötzlich umdrehte und hinter der nächsten Ecke verschwand.

"Los! Hinterher!"

Gary stürzte sofort hinter dem kleinen Jungen her, bevor sich seine Freunde überhaupt darüber im Klaren waren, was hier passiert war. Aber es war ihnen eigentlich auch egal. Gary war ihr Teamcaptain und was er sagte, war Gesetz.

Der kleine Junge hätte es beinahe geschafft hinter einem weiteren Gebäude zu verschwinden, wenn ihm nicht der Fehler unterlaufen wäre, sich umzuschauen und dabei über ein altes Brett zu stolpern. Er schlug der Länge nach in den Staub und innerhalb von Sekunden waren Gary und seine Freunde über ihm und hielten ihn mit ihren Füßen auf dem Boden fest. Der Kleine wehrte sich eine Wei-le verzweifelt, bemerkte dann aber, dass er nicht loskam und beruhigte sich et-was.

"Hey, was sollte das? Für so einen kleinen Pimpf bist du ja ganz schön mutig," brüllte ihn Gary an.

Der kleine Junge zuckte zusammen und fing an zu zittern. "Das ... das wollte ich nicht. Ehrlich. Der Ball ist einfach so weggeflogen."

"Und das soll ich dir glauben, die kleiner Scheißer?" rief Gary.

Die anderen lachten höhnisch und schadenfroh über den Schrecken, der sich im Gesicht des kleinen Jungen breit machte.

"Du hast recht, Gary," johlte Garys Freund Cole. "Wer hätte gedacht, dass so 'nen Mumm hat. Schau ihn dir an, der sieht doch aus wie ein Mädchen mit diesen süßen Locken und nicht wie echter Kerl."

Wieder lachten alle gehässig.

"Eher einer von diesen Wachsengeln. Meine Mutter hatte mal so einen. Na, klei-ner Engel, wo sind denn deine Flügelchen? Schade, die könntest du jetzt echt gut gebrauchen, um abzuhauen."

In dem kleinen Jungen baute sich so etwas wie Trotz und auch etwas Mut auf. "Mein Name ist nicht Angel, so nennen mich immer nur die anderen. Mein Name ist Blair."

Etwas Bösartiges leuchtete in Garys Augen auf. Blair spürte seinen wütenden Atem auf dem Gesicht.

"So, du heißt also wirklich Angel. So'n Pech, Kleiner. Ich habe von den Angels nämlich gerade echt die Nase voll. Los Jungs, lasst uns diesem kleinen Bastard zeigen, was wir von den Angels halten."

So schnell wie Trotz und der Mut auch entstanden waren, so schnell waren sie auch schon wieder verschwunden und machten einem ganz anderen Gefühl Platz: Angst. Beim Blick in das Gesicht des wortführenden Jungen erkannte Blair, dass er tief in der Patsche saß, verdammt tief.

"Cole, hol mir meine Sporttasche. Woll'n wir doch mal sehen, was wir mit diesem kleinen Engel hier anfangen können."

"Gary!" meldete sich jetzt ein anderer Junge zu Wort. "Er hat das doch nicht mit Absicht getan. Lass ihn in Ruhe."

"Halt dich da raus, Jimmy," erwiderte Gary mit einem bösartigen Grinsen auf dem Gesicht. Er war jetzt so richtig in Fahrt und kannte kein Pardon. "Wenn du nichts damit zu tun haben willst, dann verschwinde. Aber wage es nicht, irgend-jemanden davon zu erzählen, oder du wirst das später bereuen."

Jimmy wollte wirklich nichts damit zu tun haben. Aber konnte er sicher sein, dass seine Freunde dem kleinen Jungen nichts antaten? Freunde? Das wa-ren nicht seine Freunde. Freunde konnte man sich aussuchen. Dies waren seine Teamkollegen. Alles Söhne reicher Eltern, die es sich leisten konnten mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, weil sie genau wussten, dass ihre Eltern sie wieder herausholen würden. Was würde sein Dad dazu sagen, wenn er wüsste was hier passierte? Der Stärkere gewinnt, so ist es nunmal im Leben. Tja, Kleiner, Pech gehabt. Er hatte sich nie mit diesem Gedanken anfreunden können. Auch wenn er so von seinem Vater erzogen worden war, hatte er doch stets das Gefühl, dass er anderen helfen musste. Nur traute er sich selten, das auch laut zu sagen oder tatsächlich in die Tat umzusetzen.

Langsam drehte Jimmy sich um und ging in Richtung Straße, ohne auch nur einen letzten Blick auf das Geschehen zu werfen. So konnte er auch nicht den ent-setzten Ausdruck auf dem Gesicht des kleinen Jungen erkennen, der ihm mit weit aufgerissenen Augen hinterher starrte.




Ritsch. Mit einem schnellen Zug öffnete Gary den Reißverschluss seiner Sporttasche. Ihm war gerade ein genialer Einfall gekommen. Schnell durchsuch-te er das Innere der Tasche und holte ein kleines Reiseetui mit seinem Rasier-zeug hervor. Er war stolz darauf, dass er schon mit fünfzehn Jahren einen leich-ten Bartwuchs hatte. Von seinem Vater hatte er ein teures Rasierset erhalten, das er bei jedem Spiel dabei hatte, nur um in der Umkleide zu demonstrieren, dass er schon ein ganzer Mann war.

"Haltet ihn gut fest. Oder besser noch ... hier ... bindet seine Hände mit der Bandage hier zusammen, damit er uns keine Schwierigkeiten macht."

Cole beugte sich zu Gary hinunter und nahm eine Rolle Elastikbandage entgegen, während der andere Junge immer noch einen Fuß auf Blairs Brust gestellt hatte. Er hatte Mühe zu atmen, was aber mehr an seiner Angst lag, die ihn zu überwäl-tigen drohte, als an dem Gewicht des Jungen, der sich auf ihn stützte.

Mit der Bandage in der Hand kam Cole auf ihn zu und der andere Junge nahm seinen Fuß von ihm herunter. Blair fasste all seinen Mut zusammen und rollte sich blitzschnell auf die Seite, aber Cole war schneller als er und schmiss sich mit dem Oberkörper auf ihn, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Mit festen Griff zog er Blairs Hände auf den Rücken und wickelte die Bandage mehrmals um seine Handgelenke.

Als Blair auf den Rücken gedreht wurde, konnte er einen Blick auf Gary erha-schen und das, was dieser in der Hand hielt. Es war ein glänzendes Rasiermesser. Verzweifelt bemühte sich der kleine Junge freizukommen. Er schrie laut auf und trat mit den Füßen um sich, doch Cole schaffte es leicht, seine Beine zu umklam-mern und ihn ruhig zu halten.

"Sieh zu, dass er still ist," befahl Gary.

Eine Hand legte sich auf Blairs Mund und erstickte die Schreie.





Wuusch. Ganz plötzlich hatte Jimmy das Gefühl, durch eine Nebelwand zu laufen. Einen Moment war er noch in den Straßen von Seattle auf dem Weg zum Busparkplatz, im nächsten Moment befand er sich in einer ihm fremden Welt wieder. Wie war er hier her gekommen? Alles um ihn herum erschien in ei-nem blauen Farbton. Von den Häuserfronten der Lagerhallen war nichts mehr zu sehen, stattdessen waren um ihn herum hohe Bäume und er konnte leise Zwit-schergeräusche von Vögeln, das Rascheln von Blättern im Untergehölz und das Tapsen von Tieren auf dem weichen, moosigen Untergrund hören. Verblüfft blieb er stehen und drehte sich im Kreis.

Angestrengt versuchte er mit zusammengekniffenen Augen zu erkennen wo er war. Und schreckte plötzlich zurück, denn das was er sah, war nicht das was er erwartet hatte. Wie bei einer Filmaufnahme sah er das, was nach seiner Ansicht mehrere Meilen entfernt lag, plötzlich auf sich zukommen, bis er selbst kleinste Details erkennen konnte. Die Luft schien zu vibrieren und er konnte selbst den kleinsten Windhauch wie Sandpapier auf seiner Haut fühlen. Die Vogelstimmen schienen zu einem Brausen anzuschwellen, bis er sich vor Schmerzen die Ohren zu halten musste. Das Tapsen von kleinen Füßen auf weichem Dschungelboden kam ihm plötzlich wie das Donnern von Dinosaurierfüßen vor, wobei bei jedem Tritt der Boden zu erzittern schien. Erschreckt blickte er sich um, jederzeit erwartend einen T-Rex vor sich stehen zu sehen.

Dann mit einem Mal war wieder alles vorbei. Es herrschte Totenstille im Dschun-gel und Jimmy schloss erleichtert seine Augen. Das ist alles nur eine Halluzi-nation, versuchte er sich einzureden. Wenn ich die Augen öffne, bin ich wieder in der Stadt.

Voller Zuversicht öffnete er zunächst das rechte Auge, dann auch das linke. Al-les war so wie zuvor. Der Wald um ihn herum leuchtete in wunderschönen Blautö-nen, nur dass er dieses Mal nichts weiter hörte, als das Tapsen von Pfoten. Mist, also doch keine Halluzination. Er kniff sich fest in den linken Arm und hoffte, dass er aus diesem Traum - ja, ein Traum, das war eindeutig besser als eine Halluzination - aufwachen würde. Außer einem schmerzenden Arm brach-te ihm das auch nichts weiter ein.

Also was jetzt? Langsam drehte er sich noch einmal im Kreis, die Umgebung in sich aufnehmend. Als sein Blick wieder zu dem Punkt gelangte, wo er gestartet war, wäre er vor Schreck beinahe hinten über gefallen. Vor ihm saß ein schwar-zer Panther. Seine grünen Augen fixierten ihn mit einem starren Blick.

Tief im Innern spürte Jimmy, dass er keine Angst vor dem Tier haben musste. Er ließ sich langsam auf seine Knie hinunter und streckte der Raubkatze seine rechte Hand entgegen. Mit einem leisen Schnurren kam die schwarze Katze ei-nen Schritt näher, rieb ihren Kopf an der Hand und ließ sich hinter dem Ohr kraulen.

"Hab keine Angst, junger Wächter. Dein animalischer Geist ist hier, um dir zu helfen."

Erschreckt blickte Jimmy hoch und sah einen indianischen Krieger auf sich zu-kommen. Kein Indianer, wie er ihn aus Wildwestfilmen kannte, sondern eher ein Inka oder Maya aus Südamerika.

"Dein Guide braucht deine Hilfe."

"Mein was?"

"Du darfst dich deinen Pflichten nicht verschließen. Geh und hilf ihm, damit er dir helfen kann."

"Wo bin ich hier?"

"Du bist hier beim Tempel der Sentinels. Dein erstes Erwachen als Sentinel hat soeben stattgefunden. Nun liegt es an dir, wie du deine Kräfte nützt."

"Welche Kräfte denn? Das einzige was passiert ist, dass ich hier mitten in einem Wald sitze, einen wilden Panther kraule und mit einem Indianer spreche, der in Wirklichkeit gar nicht da ist."

"Die Pflicht eines Sentinels ist es, die Seinen zu beschützen. Geh, und hilf ihm, damit er dir helfen kann."

"Wem soll ich denn helfen, Himmel noch mal."

"Deinem Guide. Geh jetzt."

Die Gestalt des Indianers bewegte sich rückwärts, obwohl Jimmy nicht erkennen konnte, dass er seine Beine oder Füße bewegte. Sie schien zu schweben, wie auch gleichzeitig seine ganze Umgebung zu schweben beginnen schien. Der blaue Wald vermischte sich mit dem Schwarz des Panthers und einen Moment später fand sich Jimmy keuchend auf dem Bürgersteig vor einer großen Lagerhalle wieder.





Blair hatte Angst. Solche Angst wie nie zuvor in seinem ganzen, wenn auch nur kurzen Leben. Seine letzte Hoffnung, dass er das ganze unbeschadet überste-hen würde, war mit dem Fortgang des Jungen, der es gewagt hatte, dem Anfüh-rer der Gruppe zu widersprechen, verschwunden. Warum hatte er ihm denn nicht geholfen? Er hatte den Ball doch nicht mit Absicht auf sie geworfen. Was hatte er so schlimmes getan, dass er so behandelt wurde? Fragen über Fragen schos-sen durch seinen Verstand.

Er wimmerte leise, denn mehr konnte er wegen der schweren Hand über seinem Mund nicht von sich geben. Seine Arme taten ihm weh, weil er auf seinen gebun-denen Händen lag. Er hatte seine Augen fest verschlossen, denn er wollte nicht sehen, was auf ihn zu kam. Der Anblick des Rasiermessers hatte ihm vollkommen gereicht.

Mit einem Mal konnte er fühlen, wie Hände nach seinen Haaren griffen, Strähne für Strähne stramm zogen und dann mit einem schnellen Schnitt absäbelten. Er fühlte den Windhauch auf seinem Kopf, wo bereits die Haare abrasiert worden waren. Tränen der Angst, aber auch der Wut stiegen ihm in die Augen, aber er hielt sie fest geschlossen.

Ein scharfer Schmerz zuckte durch seinen Kopf, als der Rasiermesser abglitt und ihm einen Schnitt in der Kopfhaut einbrachte. Er fühlte, wie ihm das Blut durch die verbliebenen Haare lief. Blair stöhnte vor Schmerz auf.

"Ups. Na so'n Pech. Da ist mir doch glatt das Messer entglitten. Tut mir ja so überhaupt nicht leid, Kleiner."





Geh und hilf ihm, damit er dir helfen kann. Die Worte des Indianers hallten in seinem Kopf wider.

Jimmy saß auf der Bürgersteigkante und war immer noch am überlegen, ob er das ganze jetzt geträumt hatte (was eigentlich nicht sein konnte, da er ja nicht ge-schlafen hatte) oder ob die Halluzination doch keine gewesen war und alles wirk-lich passiert war. Okay, er war also doch verrückt.

Geh und hilf ihm. Er hatte ja Recht. Was hatte er sich nur dabei gedacht, den kleinen Jungen sich selbst zu überlassen? Ein Blick in Garys Gesicht hatte ihm gezeigt, dass dieser keinen Spaß verstand.

Entschlossen stand er auf und ging die Straße zurück, die er gekommen war. Er war erst ein paar Schritte gegangen, als er ein leises Wimmern hörte. Verdutzt blieb er stehen und sah sich um, konnte jedoch niemanden erkennen. Dann konnte er plötzlich auch Garys Stimme vernehmen. "Ups. Na so'n Pech. Da ist mir doch glatt das Messer ausgerutscht."

Sich nicht weiter darum kümmernd, dass er ja eigentlich auf die Entfernung nichts hätte hören dürfen, begann er zu laufen.





"Hör sofort auf, Gary!"

Die Hand, die das Rasiermesser hielt, verharrte in der Luft. Gary schaute er-staunt hoch und sah seinen Teamkollegen Jimmy auf sie zu rennen. Was wollte der denn hier?

"Und was, wenn nicht?"

Gary hatte eine weitere dicke Strähne von Blairs Haaren in seiner linken Hand. Mit einem bösartigen Grinsen zog er fest daran. Jimmy konnte sehen, wie sich das Gesicht des kleineren Jungen vor Schmerz verzog. Eine Blutspur zog sich vom vorderen Haaransatz, oder besser das, was von seinen Haaren übrig geblie-ben war, bis zum Hinterkopf. Jimmy konnte den süßlichen Duft von Blut riechen, was ihm die Magensäure in der Speiseröhre hochsteigen ließ.

"He? Was willst du dann machen?" forderte ihn Gary weiter heraus. Er ließ die erhobene Hand heruntersausen und mit einem schnellen Schnitt hatte er die festgehaltene Strähne abgeschnitten. Wieder konnte man ein leises Wimmern vernehmen.

Mit einem Wutschrei warf sich Jimmy auf den älteren und größeren Gary, dem durch den Aufprall das Rasiermesser aus der Hand glitt und einige Meter zurück auf dem Asphaltboden geschleudert wurde. Gary schaffte es, den etwas schmächtigeren Jimmy von sich zu stoßen und rappelte sich langsam wieder auf.

Nun mischte sich auch Cole, der immer noch Blair auf dem Boden festgehalten und den Mund zugedrückt hatte, ein. Wie auch Gary war er einige Zentimeter größer als Jimmy und wog sicher auch einige Pfund mehr, was aber eher auf den runden Bauch zurückzuführen war als auf Muskelmasse. Leider hatte er aber gesehen, wohin das Rasiermesser geflogen war und lief schnell die paar Schritte zu der Stelle, wo es im Staub lag.

Jimmy konzentrierte sich währenddessen auf Gary, der wutschnaubend auf ihn zukam. Gary wischte sich mit dem Handrücken über sein Gesicht und bemerkte, dass ihm Blut aus der Nase lief.

"Ich habe dir gesagt, dass du es bereuen wirst, wenn du dich einmischt. Du bist die längste Zeit in unserem Team gewesen," brüllte er zornig. Mit einem Blick über Jims Schulter erkannte er, dass Cole hinter diesem mit dem Rasiermesser in seiner Hand stand. Ohne an die Folgen ihres Handelns zu denken nickte er Cole zu.

Jimmy wusste später nicht mehr so genau, ob er es wirklich gesehen hatte, oder ob es nur Glück war, aber er hätte darauf wetten können, dass er Cole's Spie-gelbild in Garys Augen erkannt hatte. Mit einem Aufschrei warf er sich zur Sei-te, während die erhobene Hand mit dem Messer herunterfuhr, aber nur noch die Luft an der Stelle durchschnitt, wo er zuvor gestanden hatte.





Mit fest zugekniffenen Augen und vor Angst halb ohnmächtig lag Blair am Boden. Er bemerkte, dass sich etwas um ihn herum tat, aber was es war, konnte er nicht sagen. Auch wenn er es gewollt hätte, hätte er nicht seine Augen öffnen können, so fest hielt er sie geschlossen, so dass es schon fast eines physischen Gewalt-aktes bedurfte, um sie zu öffnen. Die Angst ließ ihn am ganzen Körper zu Stein erstarren. Dann hörte er plötzlich die Stimme des dritten Jungen, von dem er geglaubt hatte, dass er weggegangen sei. So etwas wie Hoffnung stieg in ihm auf. Tief in seinem Innern hatte er das starke Gefühl, gerettet zu sein. Er bemerkte, dass das Gewicht, dass seinen Körper auf den Boden presste, sich hob und auch die Hand von seinem Mund verschwand.

Seinen ganzen Mut zusammenfassend öffnete er langsam sein rechtes Auge, aber er konnte nur den Himmel über sich erkennen. Vorsichtig drehte er seinen Kopf nach links und öffnete nun auch sein linkes Auge. Die Bewegung trieb ihm Tränen in die Augen, da seine Kopfhaut sich spannte und die Schmerzen in dem Schnitt erneut aufflammten.

Verschwommen konnte er drei Gestalten erkennen, von denen eine am Boden lag. Was genau hier vor sich ging, konnte er nicht genau sagen, da ihm die Tränen den Blick verschleierten. Er konnte wütendes Gebrüll von Gary hören, der sich jetzt auf die Gestalt am Boden stürzte. Nach einigem Blinzeln erkannte Blair, dass es sich hierbei in der Tat um den Jungen handelte, der vorhin einfach so weggegan-gen war. Wann war er wiedergekommen? War er gekommen, um ihm zu helfen? Die leise Hoffnung verwandelte sich in Erleichterung. Doch dann bemerkte er ein Aufblitzen in Garys Hand. Er hatte das Rasiermesser im festen Griff und wollte sich jetzt damit auf seinen Retter stürzen.

Blair wollte aufschreien, ihn warnen, aber nur ein Krächzen kam aus seiner Kehle. Verzweifelt versuchte er aufzustehen, aber mit den hinter seinem Rücken zu-sammengebunden Händen schaffte er das nicht. Also versuchte er das einzige was ihm möglich war. Mit einem Kraftakt, von dem er nicht gedacht hätte, dass er ihn schaffte, hob er seine Beine an und schwang sie herum. Sie landeten kurz vor den Füßen des großen Jungen, also rutschte er noch ein paar Zentimeter auf seinem Hintern weiter. Dann schlang er seine Füße um die Beine des Jungen und zog sie zu sich heran.

Cole, der sich nicht weiter um Blair gekümmert hatte, bemerkte zu spät, dass sich seine Füße verfangen hatten, und fiel der Länge nach in den Staub. Dabei entglitt das Rasiermesser seiner Hand und schlidderte wiederum einige Meter auf dem Boden entlang, bis es schließlich in dem Gitter eines Abwasserkanals verschwand.

Erleichtert schloss Blair für kurze Zeit seine Augen. Er hatte es geschafft. Als er sie wieder öffnete bemerkte er erstaunt, dass der große Körper des Jungen bewegungslos am Boden lag. Oh, mein Gott, er hatte ihn getötet!





Gary sah, dass er auf verlorenem Posten stand. Sein Kumpel Cole lag auf der Er-de. Irgendwie hatte es der kleine Bastard geschafft, ihn auszuschalten. Neben ihm rührte sich Jimmy, der nach seinem Sprung zur Seite einen Moment lang bewegungslos liegen geblieben war.

Doch allein war Gary zu feige, ihm entgegen zu treten. Ein kurzer Blick auf Cole zeigte ihm, dass dieser nur leicht beduselt war. Auch er bewegte sich schon wie-der. Gary war nicht nur feige, sondern auch egoistisch. So machte es ihm nichts aus, Cole zurückzulassen und das Weite zu suchen.





"Hey, Kleiner. Komm schon, mach die Augen auf."

Jimmy schüttelte den kleineren Jungen sanft an der linken Schulter. Dabei be-merkte er erst, dass dessen Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren. Verdammt, das musste wehtun. Vorsichtig rollte er Blair auf die Seite und un-tersuchte den Knoten in der Bandage. Durch das heftige Zerren hatte sich der Knoten stark zugezogen und ließ sich gar nicht so einfach öffnen. Aber Jimmy schaffte es sich auf die Fasern zu konzentrieren und nach kurzer Zeit konnte er Blairs Arme nach vorne ziehen.

Noch immer hatte der kleine Junge seine Augen fest zugekniffen. Aber er war wach, den Jimmy konnte ihn leise "Oh, Gott, ich habe ihn umgebracht" flüstern hören.

Überrascht schaute sich Jimmy um. Als er aus seinem benebelten Zustand er-wacht war, waren sie beide allein gewesen. Er hatte gerade noch Cole um die E-cke auf die Straße biegen sehen.

Beruhigend fuhr er Blair mit einer Hand über die Wange. Er holte ein Taschen-tuch aus seiner Hosentasche und wischte vorsichtig das Blut von der Stirn. Gott sein Dank, der Schnitt schien nicht allzu tief zu sein. Es hatte auch schon aufge-hört zu bluten.

"Keine Angst, sie sind weg," redete er in einem sanften Tonfall weiter.

Blair hielt weiterhin fest die Augen geschlossen und murmelte leise weiter. "Oh, Gott, ich habe ihn umgebracht!"

"Du hast niemanden umgebracht, Kleiner. Sie sind alle weg. Du hast es überstan-den."

Nun endlich öffnete Blair erst ein Auge, dann das andere. Dort, wo sich zuvor noch sein vermeintlich totes Opfer befunden hatte, war nun niemand mehr zu sehen. Langsam drehte er den Kopf, um seinen Retter anzusehen. Dieses Mal tat die Bewegung nur noch halb so weh wie noch vor einigen Minuten.

"Du hast mich gerettet," flüsterte er leise.

"Da bin ich mir gar nicht so sicher," antwortete Jimmy. "Ich weiß nur noch, dass ich mich zur Seite geworfen habe. Dann müssen wohl kurz die Lichter bei mir ausgegangen sein. Als ich wieder klar gucken konnte, waren Gary und Cole weg."

"Hilfst du mir bitte hoch?" Blair hatte schon versucht, sich alleine aufzusetzen, hatte sich aber mit einem Stöhnen zurückfallen lassen. Nun schob Jimmy eine helfende Hand hinter seinen Rücken und stützte ihn.

"Warum bist du zurückgekommen?" wollte Blair wissen.

"Du wirst es mir bestimmt nicht glauben," antwortete Jimmy. "Aber da war so ein komischer Indianer, der hat gesagt, dass ich dir helfen soll. War ja auch blöd von mir, überhaupt erst wegzugehen. Weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Gary ist ein Arschloch. Geschieht ihm ganz Recht, dass er eins auf die Na-se bekommen hat," kicherte er.

Nun musste auch Blair lächeln. "Danke," flüsterte er leise.

"Nichts für ungut, Kleiner. Ich muss leider weg, mein Bus wartet. Kommst du al-lein zurecht?"

"Klar doch, bin doch kein Baby mehr. Obwohl, meine Mom wird mich bestimmt wie eines behandeln, wenn sie mich zu sehen kriegt."

Jimmy tätschelte ihm leicht die Schulter. Dann erhob er sich und ging mit einem letzten Winken um die Kurve.

Blair schaute ihm hinterher, bis er aus seinem Blickfeld verschwand. Schade, er wusste nicht einmal den Namen seines Retters. Für einen Moment wollte er hin-ter dem größeren Jungen herrufen, besann sich aber schnell eines Besseren, als er merkte, dass sich bei der kleinsten Anstrengung seine Kopfhaut empfindlich spannte.

Oh Mann, jetzt musste er auch noch seiner Mom gegenüber treten. Er konnte sich jetzt schon vorstellen, wie sie ihn betuttelte ....





1999


".... und als er weg war, dachte ich noch, dass ich gar nicht seinen Namen wuss-te," beendete Blair seine Geschichte.

Aber ich weiß ihn, dachte Jim im Stillen. Wie so vieles in seinem Leben, was mit seinem Sentinelfähigkeiten zusammenhing, hatte er auch diese kleine Episo-de vollkommen unterdrückt. Wie hatte er es nur vergessen können, dass er sei-nen Guide schon einmal in seiner Kindheit getroffen hatte. Plötzlich konnte er sich an alle Einzelheiten erinnern, wie ihm Incacha das erste Mal begegnet war, damals noch ein junger Mann, aber doch schon weise an Erfahrung. Wie er zum ersten Mal bemerkt hatte, dass seine Sinne anders waren. Er konnte sich erin-nern, dass ihm seine besonderen Fähigkeiten damals im Laufe der Zeit normal vorgekommen waren, bis zu dem unglückseligen Ereignis mit Jim's Coach Bud Heydash.

"... frage mich, was wohl aus ihm geworden ist," hörte er Blair weiterreden.

"Was? Tut mir leid, war wohl für einen Moment abgelenkt," gestand Jim.

"Der Junge. Der, der mich gerettet hat. Ich frage mich, was aus ihm geworden ist."

Soll ich es ihm sagen? Jim lächelte leise vor sich hin.

"Das kann ich dir genau sagen. Sein Name war Jimmy und er wohnte in Cascade."

"Na, da wäre ja ein riesen Zufall, wenn er hier in Cas...." Blair stoppte abrupt, als ihm plötzlich dämmerte, was Jim da sagte.

"Stimmt."

"Jim, willst du etwa sagen, dass du das damals warst?"

"Genau."

"Jim, weißt du was das bedeutet?"

"Ja, dass es kein Zufall war, dass wir uns vor vier Jahren begegnet sind, sondern unser Schicksal. Du sprachst davon, dass ich dir erzählt hätte, dass mir ein Indi-aner begegnet ist. Das war meine erste Vision. "

"Whow! Ich hatte ja keine Ahnung," flüsterte Blair.

"Keine Bange. Ich bislang auch nicht. Aber ganz plötzlich ist alles wieder da. Mir ist damals Incacha erschienen. Er hat mir gesagt, dass ich dich retten muss, da-mit du mich retten kannst. Und ich glaube, das haben wir inzwischen zu Genüge geschafft."

"Mein Gesegneter Beschützer," lächelte Blair.

"Mein Engel," antwortete Jim.

"Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich den Namen Angel hasse?"

"Ähm, ja, ich glaube du hast es hier und da in deiner Geschichte erwähnt."

Jim konnte gerade noch dem Sofakissen ausweichen, das mit voller Wucht auf ihn zugeflogen kam. Hinterhältig lächelnd schnappte er sich ein weiteres vom Sofa und erwiderte das Feuer. Sein Wurf war ein Volltreffer und das Kissen kol-lidierte mit Blairs Brust. Für einen kurzen Moment rührte sich Blair nicht, ver-dattert aufgrund des "feindlichen Übergriffs", dann brach er in ein herzliches Lachen aus.

Gott, es war schön, dieses Lachen zu hören. Jim hatte es in den letzten Monaten sehr vermisst. Seit dem Desaster mit der Dissertation und der Pressekonferenz, nein, wenn er ehrlich sein wollte, schon Wochen und Monate davor, war Sandburg in sich gekehrter gewesen und nur noch selten hatte er sein herzerfrischendes Lachen gehört, ganz zu schweigen davon, dass er ihn sich vor Lachen krümmend auf dem Boden kugeln sah.

Jim gesellte sich zu Blair auf den Boden vor dem Sofa.

"Weißt du, wenn wir uns jetzt beeilen, schaffen wir es noch zur Aufnahmezeremonie in der Akademie," sagte Jim.

Blair wurde plötzlich ernst und ein zweifelnder Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

"Keine Angst, ich habe alles geklärt. Sie erwarten dich zur Zeremonie zurück. Simon hat mir frei gegeben, damit ich dich begleiten kann."

"Jim? Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich dankbar bin?"

"Wofür?"

"Dass du mein Freund bist. Dass wir weiter zusammen sind, auch wenn meine Sentinel-Forschungen zu Ende sind. Dass ich die Chance bekomme, weiter mit dir zusammen zu arbeiten."

"Gern geschehen. Habe ich dir schon einmal gesagt, dass ich dankbar bin? Dafür, dass du mir ein guter Freund bist, dass du Chance wahrnimmst, weiterhin mit mir zusammen zu arbeiten. Weißt du, in den letzten Monaten hatte ich immer mehr das Gefühl, dass du dich in unserer Partnerschaft nicht mehr wohl fühlst. Ich bin froh, dass ich mich scheinbar in der Hinsicht geirrt habe."

"Es war nicht so, dass ich mich unwohl gefühlt habe. Es war mehr so, dass ich Angst davor hatte, was kommen würde, wenn meine Forschungen beendet sind. Angst davor, ob Simon mich bleiben lassen würde, wenn er wüsste, dass meine Arbeit beendet ist."

"Chief, deine Arbeit ist niemals beendet. Und das weiß Simon ganz genau, sonst hätte er niemals diese Vereinbarung mit dem Polizeichef arrangiert. Egal wie sehr es auch danach aussehen mag, dass ich meine Sinne unter Kontrolle habe, dann doch nur deswegen, weil mein persönlicher kleiner Schutzen...."

"Jim! Ich warne dich."

Ende
 

mella68: (Default)
Ich habe eine neue kleine Story fertig, die ihr auf [livejournal.com profile] sga_rtistisch finden könnt.

Zur Story


Ich verabschiede mich dann jetzt für die nächsten 2 1/2 Wochen in den Urlaub. Ich freu mich schon, am Wochenende [livejournal.com profile] starkat75 zu treffen.
Ansonsten bleibt alle schön brav.



mella68: (Default)



John lief nervös in der Krankenstation hin und her. Er hielt das nicht länger aus. Hinter einem Vorhang konnte er McKays leises Stöhnen hören, der sich seit einer halben Stunde in Behandlung von Dr. Beckett befand. Der Anstand gebot es ihm, sich von der Untersuchung fernzuhalten.

Plötzlich ertönte ein schmerzerfüllter Aufschrei aus dem abgetrennten Bereich. Das war eindeutig Rodney gewesen.

"Nicht! Carson, verdammt noch mal. Au, au, au ..."

"Rodney, tut mir ja leid. Aber ich befürchte, da müssen wir schneiden", erklang Carsons Stimme.

"Schneiden?", quietschte Rodney. "Oh, nein, nein, auf keinen Fall schneiden. Ich habe nicht soviel davon und kann es mir nicht leisten, dass du daran herumschnippelst." Ein gequältes Aufstöhnen war von ihm zu hören.

Schneiden? Operieren? Sheppard wurde kalkweiß und musste sich auf einen Stuhl setzen. Nie hätte er gedacht, dass Rodney so schlimm verletzt sein könnte. Dabei hatte doch alles relativ harmlos begonnen.

Er schloss seine Augen und verlor sich in den Erinnerungen an ihre letzte Mission.

***


"Rodney, nun mach schon. Ich will heute noch mal nach Hause kommen", drängte Sheppard. Es war schon am Dämmern und sie hatten nur noch ein kurzes Stück zu laufen, bis sie den geparkten und getarnten Puddle Jumper am Rand des Waldes erreichen würden.

"Aber ich muss mal. Und warum soll ich es noch eine Meile mit mir rumschleppen, wenn ich es auch hier loswerden kann?", erwiderte Rodney McKay leicht unwirsch. Er hatte schon eine ganze Weile den gewissen Drang verspürt, aber die sanitären Verhältnisse in dem Dorf der Waldmenschen, das sie gerade verlassen hatten, hatten ihn ohne größeres Zögern dazu gebracht, dieses gewisse Bedürfnis zu unterdrücken.

"Dr. McKay, die Dorfältesten haben uns davor gewarnt, die Wege zu verlassen", versuchte Teyla ihn von seinem Vorhaben abzubringen. "Zu Ihrem eigenen Wohl sollten Sie sich besser daran halten."

"Was kann schon passieren? Ich bin gerade mal ein paar Schritte von euch entfernt." Rodney sah sich kurz um und verschwand dann ohne weitere Worte ins Gebüsch.

Bald darauf konnten Sheppard und die anderen leises Gemurmel, das Öffnen eines Reißverschlusses und anschließend sanfte Plätschergeräusche aus dem Dickicht hören, die eine ganze Weile anhielten ... und anhielten ... und scheinbar gar nicht mehr aufhören wollten.

"Roooodney!"

"Ich mach ja schon so schnell ich kann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel ..."

"Ehrlich gesagt, will ich mir das auch gar nicht vorstellen", unterbrach ihn Sheppard.

"Klar, du hast ja auch eine trainierte Fliegerblase, aber ich ...." Rodneys weitere detaillierte Ausführungen über das Fassungsvermögen seiner Blase wurden durch einen lauten Aufschrei unterbrochen.

"Colonel! Hilfe!"

"Rodney?" Rasch hob Sheppard seine Waffe an und lief ins Dickicht, in das McKay zuvor verschwunden war. Doch was er vorfand war ein etwas geschrumpfter Rodney, der bis zu den Oberschenkeln im Schlick steckte und langsam aber sicher immer tiefer sank. Hinter John drangen Teyla und Ronon durch die niedrigen Büsche. Sheppard hob warnend eine Hand und die beiden stoppten sofort.

McKay atmete erleichtert auf, als er seine Teamkollegen sah. Hilflos deutete er mit dem Zeigefinger an sich herunter.

"Rodney? Geht es dir gut?" rief Sheppard zu seinem Wissenschaftler herüber.

"Klar geht mir prima. Einfach super. Außer dass ich fast bis zum Hintern im Schlamm stecke. Holt mich endlich hier raus, bevor ich noch tiefer sinke."

Sheppard ließ sich auf die Knie fallen und begann vorsichtig seinen Weg in Richtung Schlammloch zu tasten. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihm, dass auch Ronon sich langsam auf Knien näherte.

"Keine Sorge, Rodney. Wir ziehen dich gleich raus", rief Sheppard seinem Freund zu. Mittlerweile war McKay bis zur Hüfte versunken.

Sheppard war inzwischen bis auf einen Meter an Rodney herangekommen. Auch hier war der Boden immer noch fest. Er legte sich auf den Bauch und robbte weiter bis er plötzlich spürte, wie der Boden vor ihm nachgab. Aber da war er schon so nahe, dass er Rodneys Arm fassen konnte.

Mit einem Klatscher landete neben ihm etwas auf dem Boden. Ah, Teyla hatte mitgedacht und in Windeseile aus mehreren Lianen ein Rettungsseil hergestellt. Es war schon praktisch, auf den Außenmissionen Leute mit Wildniserfahrung dabei zu haben.

"Rodney? Kannst du deine Beine bewegen?"

McKay warf ihm einen Hilfe suchenden Blick zu und schüttelte den Kopf. "Da rührt sich gar nichts."

John ging das Risiko ein, noch ein Stück näher zu rutschen, um McKay die Liane um den Oberkörper zu legen. Augenblicklich spürte er, wie Ronon seine Fußknöchel umfasste. Er konnte sich getrost darauf verlassen, dass der starke Satedaner sie beide hier herausziehen würde.

McKay hatte seine Arme angehoben, um sich die Liane um den Brustkorb legen zu lassen. Doch dann schien er es sich anders zu überlegen und er blickte zweifelnd an sich herunter. Auf jeden Fall so weit wie er schauen konnte, bis sein Blick auf Schlamm traf. Mit einem tiefen Seufzer stieß er mit beiden Händen in den Schlamm und kurz darauf war ein weiterer Aufschrei von ihm zu hören.

"Au, au, au!"

John warf sich nach vorne und legte blitzschnell seine Arme um Rodneys Oberkörper. Er spürte, wie Ronon seine Beine festhielt, damit er nicht auch noch im Schlamm versank.

"Autsch", quietschte Rodney erneut.

"Was ist los? Bist du verletzt?"

Außer weiteren Winselgeräuschen und mehreren Schmerzenslauten war aus McKay nichts weiter herauszubringen.

Sheppard verfestigte seinen Griff und spürte augenblicklich, wie er und McKay von Ronon von dem Schlammloch weggezogen wurden. Es gab ein schmatzendes Geräusch als sich die Oberfläche nach dem Herauslösen von Rodneys Füßen wieder schloss. Keuchend blieben Sheppard und McKay einen Moment lang liegen. Nur Ronon schien die ganze Aktion kaum etwas ausgemacht zu haben, denn dieser stand schon wieder auf und ertastete sich einen sicheren Pfad zurück zum Weg.

"Alles sicher soweit", rief er den beiden erschöpften Männern zu.

John hasste es, dass der Satedaner selbst bei einem Kraftakt wie diesem - und zwei Männer aus einem Schlammloch zu ziehen, konnte man schon als eine ziemliche Anstrengung bezeichnen - kaum außer Atem kam.

Kopfschüttelnd wandte sich Sheppard seinem Freund zu, der von den Schultern bis zu den Zehenspitzen mit einer zähen, gräulichen Schlammmasse bedeckt war, unter der man nicht einen Quadratzentimeter seiner Uniform oder seiner Haut erkennen konnte.

John stemmte sich hoch auf die Knie und wollte dem Wissenschaftler beim Aufstehen behilflich sein, aber ein weiterer Schmerzensschrei McKays ließ ihn zurückfahren. Erschrocken zog Sheppard seine Hände zurück.

"Nicht ... nicht anfassen. Ich schaff das ... Es geht schon."

Rodney wälzte sich auf seine Knie und stemmte sich mühselig auf die Beine. Dabei hatte er jedoch immer eine Hand auf seinen Unterleib gepresst. Kleinere und größere Schlammklumpen fielen von ihm ab und landeten mit hörbarem Platschen auf dem Boden.

"Rodney, ich muss nachsehen, ob du verletzt bist."

"Nein ... nein ... Es geht schon." Abwehrend hob McKay eine Hand und schleuderte dabei eine Ladung Schlamm von seinen Fingern in Sheppards Richtung. Missmutig schaute John an sich herunter. Na ja, diese paar Flecken machten den Kohl auch nicht mehr fett.

Ächzend stapfte Rodney um John herum in Richtung Weg und hinterließ dabei eine nicht zu übersehende Spur auf dem Waldboden, der Sheppard mit Leichtigkeit folgen konnte.

Schweigend legten sie den Rest des Weges zum Puddle Jumper zurück. Nur ab und zu wurde die Stille von einem gestöhnten Wehlaut aus Rodneys Mund unterbrochen.

***


John lehnte seinen Kopf an die Wand der Krankenstation und schloss seine Augen.

Er hätte es wissen müssen. Inzwischen sollte er Rodney doch gut genug kennen, um zu wissen, wie es um ihn stand. Hätte er sich nur leicht verletzt, wäre das Gejammer des Wissenschaftlers mindestens dreimal so laut gewesen. Aber McKay hatte auf dem Rückweg nur leise vor sich hin gelitten und kaum etwas gesagt.

Als sie den Puddle Jumper erreicht hatten, hatte John noch einmal versucht, sich von Rodney die Verletzung zeigen zu lassen, aber dieser hatte sich standhaft geweigert.

Was hätte er auch schon ausrichten können? Ihre Wasservorräte waren aufgebraucht gewesen und nur allein mit Lappen hätte er den dicken Schlamm niemals wegwischen können, um nach etwaigen Verletzungen zu suchen. Also hatte er sich mit den Versicherungen seines Freundes abgefunden, dass er den Rückflug auch so überleben würde.

Doch jetzt schien es so, als müsste Rodney operiert werden. Es musste also doch schlimmer um ihn stehen, als John zuvor angenommen hatte.
Er hörte geschäftiges Tun hinter dem Vorhang. Wahrscheinlich bereiteten sie Rodney für die anstehende Operation vor. Nach kurzer Zeit waren von McKay keinerlei Schmerzenslaute mehr zu hören.

Plötzlich hörte er, wie der Vorhang beiseite geschoben wurde.

"Operation gelungen, Patient tot." Das war Carsons Stimme.

Erschrocken riss John seine Augen auf und fuhr hoch. Hatte er geschlafen? Und wenn, wie lange? War die Operation schon vorbei? Moment mal, was hatte er da gerade von 'Patient tot' gehört?

Er blickte alarmiert zu Carson, der jedoch nur grinsend auf einen Schlammhaufen vor Rodneys Bett deutete, den John mit Mühe als Uniform-Kleidungsstücke identifizieren konnte.

"Tja, der Reißverschluss der Hose hat es nicht überlebt, den musste ich aufschneiden. Aber dafür hat es Rodneys 'kleiner Freund' ganz gut ohne größere Komplikationen überstanden. Ein Pflaster und gut ist es." Carson lachte vergnügt.

Kleiner Freund? Reißverschluss?

Neugierig spähte John um den halb zurückgezogenen Vorhang herum. Auf der Liege saß Rodney, der ein Laken über seinen Hüften liegen hatte. Ansonsten war er scheinbar nur noch mit einem Hemd aus den Beständen der Krankenstation bekleidet.

Als er Sheppard bemerkte, zog er blitzschnell das Laken ein Stück höher.
"Na, da hast du mir ja einen Heidenschreck eingejagt. Ich dachte bis eben wirklich, dass du schwer verletzt bist und operiert werden musst."

John kam einen Schritt näher und tat so, als wollte er das Laken anheben, doch Rodney hielt es eisern über seiner Hüfte fest.

"Sorry, aber das war einfach zu peinlich ... du weißt schon ... da im Schlammloch und ich hatte doch noch meine Hose offen und ... na ja, du kannst es dir ja vorstellen."

"Wie ich vorhin schon sagte, das will ich mir lieber nicht vorstellen", neckte John. "Nur eines will ich jetzt wissen. Wovon hast du nicht soviel, dass Carson nicht daran rumschnippeln darf?" John konnte sich ein hinterhältiges Grinsen nicht verkneifen.

"Hosen. Ich warte dringend auf eine neue Lieferung von der Erde. Bei den letzten Außenmissionen sind einfach zu viele drauf gegangen."

Skeptisch zog Sheppard eine Augenbraue in die Höhe.

"Ehrlich, wir haben von der Hose gesprochen."

"Na klar, wer's glaubt." Grinsend klopfte ihm Sheppard auf die Schulter und wandte sich zum Gehen.

"Hosen, Sheppard. Wir haben von Hosen gesprochen."

Ende

mella68: (Default)



"Ein Hase?"
"Ja, ein kleines, niedliches Tier mit langen Ohren und Nagezähnen."
"Und das legt Eier und versteckt sie?" Man konnte deutlich den Unglauben aus Teylas Stimme heraus hören.
"Das legt keine Eier. Es ist ein Säugetier, ein Nager", versuchte Sheppard richtig zu stellen.
"Aber woher hat es die Eier?"
"Na, von Hühnern. Aber es sind ja auch keine normalen Eier. Es sind bunte Schokoladeneier. Kinder essen die gerne."
"Auf der Erde legen Hühner Schokoladeneier?"
Für einen Moment überlegte Sheppard, ob er darauf wirklich antworten sollte.
"Du solltest ihr auch von der glorreichen amerikanischen Tradition des Eierrollens erzählen", mischte sich jetzt auch Rodney in das Gespräch ein.
"Eierrollen?" John merkte, dass Teylas Gedanken jetzt eindeutig in die falsche Richtung liefen. Herrje, er sollte es besser lassen, mit ihr über Sitten und Gebräuche von der Erde zu diskutieren.


Außerdem hier noch mein anderes Osterbild aus der Challenge:






mella68: (Default)


Pfützenhopser
von Mella



"Das ist wirklich ein ganz außergewöhnliches Fluggerät!"

Colonel Sheppard, Dr. McKay und die Stadtältesten der Stadt Mordal, Regierungssitz des Planeten Kuran, standen am Rande der Stadtmauer und waren dabei, sich nach erfolgreichen Verhandlungen über die Lieferung von Nahrungsmitteln zu verabschieden. Von dort aus hatte man einen wundervollen Blick auf einen See, an dessen Ufer die Stadt lang ausgestreckt lag.

Gerade eben hatte John den Tarnschild des Puddle Jumpers deaktiviert, da sich die kuranischen Wissenschaftler nach ihrer Raumschifftechnologie erkundigt hatten.

Die Kuraner waren auf einem technologischen Standard vergleichbar mit dem der Vereinigten Staaten in den 50er Jahren. Ganz besonders Dr. Egan, einer der führenden Wissenschaftler dieser Welt, war fasziniert von der technischen Ausstattung der Teammitglieder. Doch als er jetzt zum ersten Mal den Puddle Jumper erblickte, war seine Begeisterung kaum noch zu bremsen.

"Und damit können Sie das Stargate passieren und fremde Welten besuchen? Was würden wir dafür geben, eine solche Maschine zu besitzen.", schwärmte der kuranische Wissenschaftler.

Im Laufe der Verhandlungen hatten die Antlanter erfahren, dass die Kuraner bisher noch nie das Stargate hatten benutzen können, da es sich in der Umlaufbahn ihres Planeten befand. Zwar war aus alten Überlieferungen bekannt, dass sich die Wraith an den Bewohnern von Kuran genährt hatten, aber die Überfälle lagen schon Jahrhunderte zurück und so war auch noch nie darüber nachgedacht worden, wie die Wraith zu ihrer Welt gelangt waren.

"Darf ich fragen, mit welcher Art Technologie dieses Fluggerät betrieben wird?", erkundige sich Dr. Egan neugierig bei Rodney McKay.

"Puddle Jumper", warf John Sheppard ein, der sich gerade noch im Gespräch mit den Stadtältesten befunden hatte.

"Äh ... wie bitte?", wandte sich Dr. Egan an den Colonel.

Rodney verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.

"Puddle Jumper. So heißt das Fluggerät", erklärte John grinsend dem Wissenschaftler. Er war nach wie vor stolz auf seine Namensgebung.

"Tut mir Leid. Einen solchen Begriff gibt es in unseren Sprachgebrauch nicht." Dr. Egan wandte sich wieder an Rodney, in der Hoffnung, von dort nähere Auskünfte zu erlangen.

Doch Rodney dachte nicht im Traum daran, eine Erklärung für diesen seiner Ansicht nach dämlichen Namen abzugeben.

"Es handelt sich um ein durch Gedankenkontrolle gesteuertes Raumschiff. Nicht viele können es bedienen, nur solche die das Gen besitzen. Das Schiff besitzt ein DHD, ein Heimwahlgerät, mit dem wir das Orbital-Stargate Ihres Planeten anwählen können, um ein Wurmloch in unsere Heimatwelt zu aktivieren. Angetrieben wird das Raumschiff nach Ausfall des ursprünglichen Generators jetzt durch einen Naquadagenerator. Das Raumschiff besitzt zudem eine Tarnfunktion, die es unsichtbar machen kann.“

So, das sollte ihn erstmal zum Nachdenken bringen, dachte Rodney. Er hatte sich schon den ganzen Nachmittag mit dem neugierigen Wissenschaftler herumschlagen müssen, der seiner Meinung nach soviel Wissen besaß, wie er in der dritten Klasse.

"Hm, ah ja ...“, murmelte Dr. Egan vor sich hin. Mehr hörte Rodney nicht, da der lästige Wissenschaftler nun seine volle Konzentration auf das Raumschiff richtete.

Rodney wollte sich gerade wieder seinen Teamkollegen zuwenden, als plötzlich die Stimme von Dr. Egan wieder etwas lauter zu ihm durchdrang. „Wie sagten Sie noch mal ist der Name des Raumschiffes?“

"Ich sagte gar nichts“, erwiderte Rodney.

"Sie sagten doch etwas wie Puder ... Pudel ...“, bohrte Dr. Egan weiter.

Als hätte er es geahnt, hörte Rodney von weiter hinten Sheppard rufen: "Puddle Jumper! Wir nennen es Puddle Jumper!“ Herrje, der Mann musste Ohren wie ein Luchs haben, dass er ihr Gespräch aus dieser Entfernung mithören konnte, dachte Rodney.

"Ja, wie ich schon sagte, wird dieser Jumper mit Naquada betrieben, einer Energiequelle aus unserer Heimatgalaxie, welches wir aus ehemaligen Minen der Goa’uld fördern", erläuterte Rodney in einem leicht gelangweilten Tonfall. "Es ist höchst effizient und ..." Rodney wollte mit seiner Erklärung fortfahren, wurde jedoch von Dr. Egan unterbrochen.

"Puddle Jumper. Ein ungewöhnliches Wort. Darf ich erfahren was es bedeutet?"

Rodney war leicht irritiert, so unhöflich in seinen Erklärungen unterbrochen zu werden.

"Da müssen Sie sich schon an Colonel Sheppard wenden. Ich dachte, Sie wären an wissenschaftlichen Aspekten interessiert, aber wie ich sehe, liege ich da wohl falsch“, erwiderte Rodney spitz. Er wollte sich zum Gehen wenden, stieß aber dabei mit Sheppard zusammen, der sich ihnen inzwischen genähert hatte.

Hinter sich hörte er, wie der Wissenschaftler weiter babbelte. "Ich kenne zwar die Bedeutung des Wortes Jumper, was in unserer Sprache soviel wie Springer oder Hüpfer bedeutet, aber ..."

"Ich will es Ihnen gern erklären, Dr. Egan. 'Puddle' ist so etwas wie eine kleine, nicht sehr tiefe Wasserlache ..."

Doch John kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden, denn Dr. Egan brach urplötzlich in Gelächter aus und konnte scheinbar nicht wieder aufhören.

"Sie ... Sie ..." Dr. Egan kam einfach nicht weiter und brach erneut in Lachen aus. Als er sich wieder halbwegs beruhigt hatte, fuhr er fort. "Sie nennen Ihr Raumschiff 'Pfützenhopser'? Wie in alles in der Welt sind Sie denn auf den Namen gekommen?“

"Das", erklärte Rodney mit einem spöttischen Grinsen auf dem Gesicht, "war der geniale Einfall von Colonel Sheppard. Es scheint es sein alleiniges Recht zu sein, Dingen auf Atlantis Namen zu geben. Ich wollte es ja 'Gateship' nennen. Ein Schiff, das durch das Gate fliegt, Sie verstehen?"

"Ah ja, ich verstehe. Es ist nur so, dass Pfützenhopsen auf unserer Welt ein Kinderspiel ist, bei dem man kleine, flache Steine über einen See hüpfen lässt." Dr. Egan schien immer noch Mühe zu haben, ein Glucksen zu unterdrücken. "Wäre es möglich, in Ihrem Puddle...", Er kircherte, "... jumper einen Probeflug zu unternehmen? Ich selber habe einen Pilotenschein und wage zu behaupten, dass ich ein recht guter Pilot bin", wandte er sich an Colonel Sheppard.

"Tut mir leid, Dr. Egan, aber wie Ihnen schon mein Teamkollege sagte, kann der Jumper nur durch Gedankenkontrolle von Personen bedient werden, die das Antikergen besitzen. Aber ich kann Ihnen anbieten, Sie zu einem Flug zu Ihrem Orbital-Stargate mitzunehmen", schlug John dem kuranischen Wissenschaftler vor, der das Angebot natürlich freudestrahlend annahm.

***


"John, bist du dir sicher, dass wir das machen sollten?" Rodney war etwas mulmig zumute bei dem Gedanken, einen außerirdischen Wissenschaftler in die Technologie der Antiker einzuweisen.

"Nun hab dich nicht so, Rodney. Was kann er schon anstellen?" versuchte ihn John zu beruhigen.

Die beiden standen im hinteren Teil des Jumpers, wo John gerade letzte Instruktionen an Teyla und Ronon gegeben hatte, die auf dem Planeten zurückblieben. Sie wollten mit Dr. Egan einen kurzen Flug in Richtung Stargate und über die nördliche Halbkugel des Planeten unternehmen. Da sie sich nun doch noch etwas länger auf dem Planeten aufhielten, hatten Teyla und Ronon den Auftrag erhalten, sich in der Zwischenzeit um die Zusammenstellung der Nahrungsmittel zu kümmern.

Dr. Egan saß bereits auf dem Copilotensitz des Jumpers und betrachtete bewundernd all die Anzeigen und Konsolen, die für ihn eine völlig neue Welt darstellten.

"Ich bezweifle ganz stark, dass er das Gen besitzt und ...." Weiter kam John nicht, denn urplötzlich flackerte die gesamte Steuerungskonsole auf und mit einem pfeifenden Geräusch schoss eine Drohne aus dem Frontteil des Jumpers, die mit rasender Geschwindigkeit gen Himmel stieg.

"Ach ja, kein Gen, was?“, zischte Rodney John zu. Doch seine Wut richtete sich ziemlich schnell gegen den kuranischen Wissenschaftler. „Was haben Sie getan?", herrschte McKay den ahnungslosen Mann an. Er und John waren nach vorne gestürzt und beobachteten einen Moment lang die Drohne, die für einige Sekunden regungslos am Himmel stand und sich dann, in Ermangelung irgendwelcher anderer Technologie auf dem Planeten Kuran, mit pfeilgenauer Sicherheit auf den Jumper zu bewegte.

John schwang sich auf den Pilotensitz und mit einem einzigen Gedanken stellte er den Schutzschild des Jumpers auf Maximum. Zeitgleich hob der Jumper von der Erde ab und der hintere Eingang schloss sich.

"Wir müssen ihn von hier weg bringen", rief er Rodney zu. "Wenn die Drohne hier einschlägt, wird die halbe Stadt zerstört."

Der Jumper schoss nach vorne, gerade noch rechtzeitig, um der sich nähernden Drohne auszuweichen. Zum Glück war der Anflugwinkel der Waffe so angelegt, dass sie harmlos über die Stadt hinweg flog. Jedoch schien der misslungene Angriff die Drohne nicht davon abzubringen, in einem weiten Bogen zu drehen und mit unverminderter Geschwindigkeit wieder auf den Jumper zuzurasen.

John flog den Jumper hinaus auf den See. Glücklicherweise hatte Rodney genügend Vertrauen in Sheppard Flugkünste, denn sonst hätte er, als John den Jumper hoch über dem See zum Stillstand brachte, eine mittelschwere Panikattacke erlitten . Ganz anders war da Dr. Egan, der Sheppard mit winselnder Stimme zurief: "Nun fliegen Sie doch endlich, worauf warten Sie denn?"

"Ganz ruhig Dr. Egan. Colonel Sheppard weiß genau was tut", beruhigte ihn Rodney. Das hoffe ich jedenfalls, fügte er in Gedanken noch hinzu.

Auf dem Display des Frontschirms konnte Rodney erkennen, dass sich ihnen die Drohne mit rasantem Tempo näherte. In weiser Voraussicht, und weil er die Flug- und Abwehrtechniken von Sheppard inzwischen zur Genüge kannte, zog er Dr. Egan die Sicherheitsgurte des Sitzes über die Schultern, setzte sich dann schnell auf einen der hinteren Plätze und schnallte sich ebenfalls an. Gerade noch rechtzeitig, wie er feststellen musste, den urplötzlich senkte sich der vordere Teil des Jumpers und schoss auf die Oberfläche des Sees zu. Ein paar blitzschnelle Berechnungen im Kopf und schon wusste er, was Sheppard vorhatte. Alles ging so rasend schnell, dass er gar nicht mehr die Zeit hatte, weiter darüber nachzudenken. Da verließ er sich lieber auf das Können des erfahrenen Piloten.

Noch drei, zwei, eine Sekunde, und schon spürten sie den Aufprall des Jumpers auf der Wasseroberfläche, der durch den aktivierten Schutzschild extrem abgemildert wurde. Die Druckwelle der eingetauchten und auf dem Grund des Sees explodierten Drohne war hingegen nicht ganz so mild, so dass John einige Mühe hatte, den Jumper unter Kontrolle zu halten.

In einem leichten Bogen senkte sich der Jumper wieder und setzte noch einige Male auf Wasseroberfläche auf, bevor John ihn wieder im Griff hatte und in Richtung Seeufer steuerte.

***


Scheinbar hatte das Erlebnis den kuranischen Wissenschaftler doch ziemlich zugesetzt, denn er verließ mit zitternden Knien den Puddle Jumper und stakte leicht schwankend auf seine staunenden Kollegen zu, die das Schauspiel vom Seeufer aus beobachtet hatten.

Kurz danach kamen auch John und Rodney aus dem hinteren Teil des Jumpers. John konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er auf Dr. Egan zuging und sich mit einem beruhigenden Schulterklopfen nach dessen Befinden erkundigte.

"Gut, gut", antwortete der Mann mit leicht quiekender Stimme. "Aber wie war das möglich? Sie sagten doch, ich könnte nichts aktivieren, da ich nicht das Gen hätte?"

"Von wegen kein Gen", hörten sie hinter sich McKay nörgeln. "Wer hätte denn ahnen können, dass gerade Sie eine so ausgeprägte Version des Gens besitzen?"

John grinste nur. Er wusste genau, dass Rodney es zutiefst bedauerte, nur eine künstliche und damit schwächere Variante des Antikergens zu besitzen..

"Das war einfach fantastisch", rief der kuranische Wissenschaftler aus. Offensichtlich hatte er sich inzwischen wieder gefasst. "Und eines sage ich Ihnen...", und das war an Rodney gerichtet, "kein Name passt so gut für das Fluggerät wie Pfützenhopser."

"Ich ...", wollte John ansetzen, aber der erhobene Zeigefinger von Rodney in seinem Gesicht ließ ihn verstummen.

"Wag' es ja nicht jetzt zu sagen, 'Ich hab’s dir ja gesagt'."

Ende

nde

Meins

Mar. 7th, 2007 12:12 pm
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Meins
von Mella


Schon beim Betreten des Raumes bedeuten mir meine inneren Sensoren, dass es da ist. Irgendwo dort hinten - versteckt hinter den Abschirmungen. Aber ich brauche mich gar nicht auf meine Instinkte verlassen. Die Abbildungen an den Wänden des Raumes zeigen mir auch so, dass sie es haben. Kleine bunte Bilder, die meine Gier nur noch anstacheln.

Wie lange habe ich danach gesucht. Seit es uns auf Atlantis ausgegangen war, habe ich jeden Planeten, den wir bereist haben, danach abgegrast. Die Jagd danach ist so etwas wie meine zweite Natur geworden.

Ich kann mir richtig vorstellen, wie ich es in meine Hände nehme und die glänzenden und glitzernden Farben betrachte, wie es in rot, gelb und grün leuchtet.

Ich versuche, mich an John vorbeizudrängeln, aber er hält mich zurück. Er weiß, wie sehr ich mich danach sehne, es in meinen Händen zu halten, aber er weiß auch, dass es richtiger ist zu warten, um nicht die Wut und den Ärger der anderen heraufzubeschwören.

Er betreibt gepflegte Konversation mit den Anwesenden, vertreibt sich die Zeit des Wartens mit Belanglosigkeiten. Das kann mich in den Wahnsinn treiben. Ich will es haben, und zwar jetzt gleich.

Langsam, aber beständig begeben sich alle in Richtung der Abschirmung. Ich kann es fast schon körperlich spüren, aber das ist wohl eher meine Einbildung.

John dreht sich zu mir um und grinst mich an. Er spürt mein Verlangen und geht ein Stück zur Seite, um mir den Vortritt zu lassen.

Da, endlich kommt es in mein Blickfeld. In allen Farbschattierungen leuchtend, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es gehört mir, mir ganz allein.

Na ja, fast. Die anderen wollen es schließlich auch. Jetzt, wo wir es endlich geschafft haben, es wieder nach Atlantis zu bekommen, bin ich natürlich bereit zu teilen.

Ich stürze nach vorne und schau mich begierig um. Ich kann mich kaum sattsehen.
Und dann fällt mein Blick auf den ultimativen Traum meiner schlaflosen Nächte. Blau, wie der Himmel über Atlantis. Glitzernd im fluoreszierenden Licht des Raumes steht es vor mir. Eine riesige Schüssel mit blauem Wackelpudding.

Wie gut, dass endlich wieder Nahrungsnachschub von der Erde gekommen ist.

Ende



Simsalabim

Feb. 21st, 2007 10:36 am
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Simsalabim
von Mella


„Auf einem Baum ein Ro-hod-ney, simsalabimbambasaladusaladim, auf einem Baum ein Ro-hod-ney saß“, sang Sheppard fröhlich vor sich hin. Er steckte sich einen Grashalm in den Mund und begann darauf herumzukauen. Ein prüfender Blick gen Himmel sagte ihm, dass sich an der Situation nichts geändert hatte. Über ihm in den höchsten Ästen des Baumes kauerte Rodney McKay und rührte sich nicht vom Fleck.

„Klar, mach dich ruhig über mich lustig. Aber eins sag' ich dir. Ich komme hier nicht eher runter, bevor du nicht dieses gefährliche Monstrum entfernt oder vernichtet hast“, hörte John eine maulige Stimme aus dem Geäst.

„Rodney, wenn ich das ...“, er hob beide Hände und deutete mit jeweils zwei Fingern imaginäre Gänsefüßchen an, „...Monstrum zerstöre, kann es dir noch gefährlicher werden. So wie es jetzt ist, heil und unversehrt, bezweifle ich ganz stark, dass eine Gefahr für dich davon ausgeht.“

John hob seine linke Hand und begutachtete grinsend die gelbe Zitrusfrucht. Nicht, dass er etwas gegen einen kleinen Spaß auf Rodneys Kosten einzuwenden hätte. Aber das dauerte jetzt schon geschlagene dreißig Minuten. Es wurde langsam Zeit, dass sie sich wieder auf den Weg machten.

„Rodney, wusstest du eigentlich, dass ich zaubern kann? Ich brauche nur einen Satz zu sagen, und schon bist du unten. “

„Ha!“ kam es von oben herab. „Als ob mich in dieser Situation noch etwas schocken könnte.“

„Da wär’ ich mir an deiner Stelle nicht so sicher“, rief John hinauf.

„Okay, probier’s aus. Was könnte mich möglicherweise dazu veranlassen, von diesem Baum herunterzuklettern und mich den Gefahren eines anaphylaktischen Schocks auszusetzen?“, fragte Rodney mit sarkastischer Stimme.

„Wie wäre es mit der Tatsache, dass du in dem Zitronenbaum sitzt, von dem die Zitrone heruntergefallen ist?“

Simsalabim.

Ende

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Ich muss weg
von Mella


Ein intensives Summen der Tür zu seinem Quartier ließ Dr. Rodney McKay von seinem Laptop hoch zucken. Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass es schon kurz vor vier war. Verdammt. Warum musste er nur immer wieder gestört werden? Als wäre es nicht schon genug, dass er in seinem Labor nie Ruhe und Muße hatte, sich seinen Lieblingsprojekten zu widmen, jetzt wurde er auch noch hier belästigt.

Plötzlich kam es ihm siedend heiß. John Sheppard stand draußen vor der Tür. Sie waren um halb vier zum Training verabredet gewesen. Wie er das hasste. Wer war denn hier vom Militär, er oder John? Er hatte sich um wichtigere Sachen als richtiges Abrollen oder Abwehrtechniken zu kümmern. Schließlich waren die Militärjungs dafür da, ihn zu beschützen, nicht anders herum.
Er schnappte sich sein Headset vom Regal, das er vorsorglich abgelegt hatte, um nicht fortwährend gestört zu werden. Wenn etwas wirklich Wichtiges passiert wäre, hätte man ihn immerhin noch über das Intercom ausrufen können.

Ein Klick auf die richtige Frequenz und schon hatte er Carson Beckett im Ohr.
„Carson“, flüsterte er leise. „Ich brauch deine Hilfe.“

„Rodney? Bist du das? Was ist passiert? Geht es dir ...?“

Rodney unterbrach ihn und verdrehte die Augen „Mir geht’s prima.“ Warum musste Carson immer gleich annehmen, dass ihm etwas passiert war? „Du musst mir einen Gefallen tun. Ruf mich in einer Viertelstunde übers Intercom und sag, dass meine Anwesenheit in der Krankenstation nötig ist. Denk dir irgendein technisches Problem aus, mir egal. Lass dir was einfallen.“

„Ah, ist wieder Trainingsstunde mit Sheppard angesagt?“ Carson musste lachen. „Geht in Ordnung, Rodney. Beckett out.“
Damit war Carson aus der Leitung verschwunden.

Erleichtert ging Rodney zur Tür und fuhr mit der rechten Hand über das Display. Mit einem Zischen öffnete sich die Tür und vor ihm stand - wie bereits angenommen - ein leicht missgelaunter Colonel Sheppard.

„Rodney ...“

„Ich weiß, ich weiß, ich bin zu spät. Ich war mit einem technischen Problem in der Krankenstation beschäftigt, das mich noch zur Weißglut treibt. Aber das interessiert dich sicher nicht.“

„Nicht wirklich“, verneinte Sheppard.

„Ist ja auch nicht so wichtig.“, plapperte Rodney munter weiter. „Ich zieh’ nur schnell meinen Trainingsanzug an. Dauert nur 'ne Minute.“

Er verschwand in seinem Badezimmer und kam kurz darauf mit einem Sweatshirtanzug bekleidet wieder heraus und sie konnten sich auf den Weg zum Trainingsraum machen.

***


„Au! Verdammt!“ Schon zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit war Rodney auf seinem Allerwertesten gelandet, statt wie geplant mit einer perfekten Rolle den Aufprall abzumildern.

Wann meldete sich Carson endlich? Die Viertelstunde musste doch schon längst rum sein. Mühsam rappelte Rodney sich in Sitzposition auf und stöhnte dabei mitleiderregend. John sollte ruhig sehen, dass er sich wehgetan hatte. Aber ein Blick auf das grinsende Gesicht von Sheppard zeigte ihm, dass er von ihm kein Mitleid erwarten konnte.

"Dr. McKay, bitte kommen", meldete sich plärrend das Intercom an der Wand zur Außentür. Na endlich. Wurde aber auch langsam Zeit.

Rodney stand betont langsam auf und verzog noch einmal das Gesicht, um zu verdeutlichen, dass das Training für seinen Geschmack viel zu hart war. Er humpelte zur Wand und meldete sich mit einem Drücken des Intercom-Knopfes.

"Hier McKay, was gibt es?", schnauzte er übertrieben missmutig ins Mikrofon.
"Rodney, wir brauchen dich dringend auf der Krankenstation. Das DOD ist mal wieder ausgefallen und keiner deiner Techniker kriegt es wieder zum Laufen."

"DOD? Was ist denn das?", hörte Rodney hinter sich Sheppard fragen.

Rodney drehte sich herum und warf ihm ein kurzes "Digital Operating Device" zu, bevor er sich wieder dem Intercom zuwandte. Zum Glück wusste Sheppard nicht, dass es so ein Ding überhaupt nicht gab. Bei Johns Vorliebe für außergewöhnliche Namensgebungen konnte er mit solchen Abkürzungen ruhig um sich werfen, ohne dass dieser Verdacht schöpfen würde.

"Bin schon unterwegs." Rodney schnappte sich sein Handtuch und wischte sich die kaum vorhandenen Schweißtropfen von der Stirn. Mit einem unschuldigen Blick wandte er sich an John. "Tut mir leid, ich muss weg. Ist wichtig."

"Tja, da kann man nichts machen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, wie man so schön sagt."

Leider, dachte Rodney missmutig, als er übertrieben humpelnd den Raum verließ.

***


Nach einem kurzen Besuch auf der Krankenstation – man wusste ja nie, ob Sheppard nicht nachfragen würde, wie es lief – erreichte Rodney gut gelaunt sein Quartier. Jetzt konnte er sich wieder seinen Plänen für einen kleineren Puddle Jumper widmen. Er war schon seit längerer Zeit dabei, ein Modell zu entwickeln, mit dem nur eine Person durch schmalere Öffnungen fliegen konnte.

Er hatte gerade seinen Laptop aufgeklappt, als sein Türsummer das tat, was Summer nun mal so tun; er summte. Irritiert starrte er auf die Tür. Wer wollte denn jetzt schon wieder was von ihm?

Sein in Richtung Tür gebrülltes "JA?" konnte Tote zum Leben erwecken.

"Zelenka", klang es gedämpft von draußen.

Herrje, konnte man ihn denn nicht einmal für einen Nachmittag in Ruhe lassen?
Ein Griff zum Headset, den Zeigefinger auf der richtigen Frequenz und schon war Carson wieder in der Leitung.

"Carson?"

"Was vergessen, Rodney?"

"In fünf Minuten noch mal. Du weißt Bescheid", flüsterte Rodney. "Und dieses Mal kein erfundenes DOD, bitte. Zelenka ist hier."

"Aye, geht klar. Bis gleich." Damit war Carson aus der Leitung verschwunden.

Beruhigt ging Rodney zur Tür und öffnete sie. Draußen auf dem Flur stand Dr. Zelenka mit verschränkten Armen und wartete geduldig auf seinen Chef.

"Zelenka, was gibt es? Womit kann ich dir helfen?" Es konnte ja nicht schaden freundlich zu sein, wenn man wusste, dass man nach fünf Minuten erlöst wurde.

"Ahm ... wir haben ein technisches Problem mit der Abwasserentsorgung." Zelenka klang überrascht, nach dem barschen "JA" jetzt so freundlich empfangen zu werden.

"Und das kannst du allein nicht lösen?" Mit einem Wink zu Zelenkas Laptop, den dieser in seiner Hand hielt, fuhr Rodney fort. "Zeig mal her."

Bevor Zelenka in längere Erklärungen verfallen konnte, summte es wieder an der Tür.

Leicht irritiert öffnete Rodney die Tür und sah mit Erstaunen Carson draußen stehen.
"Rodney, du hast doch wohl nicht deinen vierteljährlichen Termin zur Generaluntersuchung vergessen? Ich warte schon seit einer halben Stunde auf dich. Bei deinem vollen Kalender schaffen wir es erst in einem Monat wieder, einen neuen Termin zu finden."

"Oh, ach ja. Hätte ich beinahe vergessen", schaffte es Rodney zu antworten. "Tut mir leid, Radek, ich muss weg. Aber ich bin sicher, dass du das Problem mit ein wenig Nachdenken auch alleine beheben kannst."

Sanft, aber doch bestimmt wurde Zelenka zur Tür hinaus geschoben. Rodney schnappte sich seinen Laptop und folgte Carson zur Krankenstation. Wenn er schon nicht in seinem eigenen Quartier in Ruhe arbeiten konnte, vielleicht konnte er es ja dort.

***


Missmutig saß Rodney auf dem hintersten Bett der Krankenstation und rieb sich mit seinem linken Arm unbewusst über seine linke Pobacke. Wer hätte gedacht, dass Carson so hinterlistig war und seine Ausrede dafür nutzen würde, ihn tatsächlich zu seiner Generaluntersuchung abzuschleppen? Für Wochen hatte er es geschafft, dieser unliebsamen Tortur aus dem Weg zu gehen.

Und dann hatte dieser Vampir ihm auch noch fünf Ampullen Blut abgezapft, was im Grunde genommen gar nicht mal so schlimm gewesen war. Aber die drei Impfungen in seine beiden Pobacken hätten ja nun wirklich nicht sein müssen.

Er hatte sich gerade wieder in seine Pläne für den Mini Puddle Jumper vertieft, als der Vorhang zurückgezogen wurde und er John Sheppard vor sich stehen sah.

"Problem behoben?"

"Ähm, ja, fast. Kann noch gut 'ne Stunde dauern. Vielleicht auch länger", gab Rodney vage zur Antwort. Was hatten sie noch mal angeblich für ein Problem gehabt? Ach ja, das POD. Oder war's das DDO gewesen?

"Gut, ich komme dann gegen achtzehnhundert wieder vorbei. Wir machen dann mit dem Training weiter."

Achtzehnhundert? Ach so, John meinte sechs Uhr. Was? Da wollte er eigentlich gemütlich in der Messe sitzen und sein Abendessen vertilgen.

"Tut mir Leid, Colonel." Über Johns Schulter hinweg sah er, wie Carson sich ihnen näherte. Als John sich umdrehte, schickte Rodney dem Arzt einen flehenden Blick zu.
"Rodney hat sich bei dem Training einen Muskel im Gluteus maximus gezerrt. Er wird wohl für einige Tage nicht mehr am Training teilnehmen können."

Hah, von wegen Muskelzerrung. Rodney wusste besser, warum ihm sein Hintern weh tat.

Zufrieden ließ er sich zurück in die Kissen fallen. Für die nächsten paar Tage war er vor lästigen Trainingseinheiten sicher. Doch warum nur musste es immer sein Hintern sein?

***


Und während er so da lag und über seinen verpfuschten Samstagnachmittag nachdachte, schlich sich plötzlich ein ketzerischer Gedanke in sein Hirn: Wer könnte ihn eigentlich anrufen, wenn Carson morgen zu Besuch kam und auch nach dem vierten verlorenen Schachspiel noch Revanche verlangte?

Vielleicht Teyla?

Ende



April 2017

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